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Über das wahre Japan

Über das wahre Japan

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Wenn man sich einschlägige Webseiten, Werbungen von Reiseagenturen und einige Blogs anschaut, die sich mit Japan auseinandersetzen, findet man immer wieder die Floskel vom „echten Japan“. Für ausländische Touristen und Japankenner scheint es eine Art Qualitätsmerkmal zu sein, wenn man dorthin geht, wo sonst keiner hin will. Auch wir bei TheHangryStories propagieren ja immer mal wieder, dass man sich auch mal abseits der „goldenen Route“ zwischen Tokyo und Hiroshima bewegen sollte, weil es so viel zu sehen gibt, was einem sonst verschlossen bleibt.

Aber was ist denn nun eigentlich dieses „echte Japan“ von dem alle reden? Je mehr ich darüber nachdenke, desto unschärfer wird der Blick. Zunächst einmal bleibt festzuhalten, dass gut die Hälfte der japanischen Bevölkerung in den drei großen Metropolregionen Tokyo, Nagoya und Osaka lebt.[i] Blickt man also auf Japan unter dem Aspekt, wie sich die Lebenswirklichkeit der meisten Menschen dort gestaltet, so findet sich das „echte Japan“ mit Sicherheit irgendwo dort. Ob nun in den Stadtzentren oder in Vororten und Schlafstädten – die meisten Japaner leben im Einzugsgebiet dieser Metropolen. Dazu kommen noch die regionalen Zentren wie Sapporo, Fukuoka, Hiroshima und Sendai – um nur die Millionenstädte zu nennen. Und so sehr die Modernisierung in Japan auch geprägt ist von der Öffnung des Landes in der Meiji-Zeit ab 1868 und dem Streben nach Zivilisation und Aufklärung (bunmei kaika)[ii] – Urbanisierung ist in Japan kein westliches Konzept. Im 18 Jahrhundert war Edo, das heutige Tokyo, die größte Stadt der Welt und auch Osaka musste sich zu dieser Zeit nur London geschlagen geben.[iii] Mit der Auflösung der großen Residenzen des Kriegeradels und der Rückkehr der Samurai in ihre angestammten Gebiete verlor Tokyo zwar mit unvorstellbarer Geschwindigkeit Einwohner. 1872 lebten nur noch etwa eine halbe Million Menschen in der Stadt und es dauerte 15 Jahre, bis man wieder zur Millionenstadt wurde.[iv] Danach ging es, mit kurzen Einbrüchen im 2. Weltkrieg, aber beständig steil bergauf, und heute ist die Metropolregion Tokyo mit bis zu 38 Millionen Einwohnern die größte urbane Agglomeration der Welt.[v]

Das echte Japan, so könnte man sagen, ist also immer auch das urbane Japan, denn es spiegelt die Lebenswirklichkeit eines erheblichen Teils der Einwohner wider.

Tokyo_Shinjuku

Die Skyline von Shinjuku: urbaner Lebensraum bis zum Horizont.

Wie sieht es aber auf kultureller oder spiritueller Ebene aus? Nun ist es so, dass es in Japan eine gewisse Affinität zum nostalgisch verklärten Landleben gibt. Schon Yanagita Kunio, der „Vater der japanischen Volkskunde“ hat versucht, den Ursprung der japanischen Kultur an Rändern des Landes zu finden und begab sich auf Okinawa und in den mündlichen Überlieferungen von Bewohnern unzugänglicher Bergdörfer auf die Suche nach dem „echten Japan“.[vi] Gerade aber auch im Hinblick auf die Reiseindustrie lässt sich in Japan seit längerer Zeit ein Retro-Boom beobachten, der sich erneut auf die Suche nach dem Ursprung der japanischen Tradition beruft und im selben Atemzug die Vergangenheit des japanischen Ackerbaus durch eine romantische Brille betrachtet. [vii]

Das „wahre Japan“, so scheint es, sind die Dörfer mit ihren Reisfeldern. Sie geben auch dem urbanen Japaner eine Verortung in einer heimatlos gewordenen Welt.

Imabari_Landschaft

In Imabari ist die heimatliche Welt noch in Ordnung.

Diese Debatte kann und will ich in einem Blog-Artikel natürlich nicht ausführen, aber es wird deutlich: sowohl in Japan wie auch in der westlichen Forschung ist umstritten und überhaupt nicht so klar, wovon wir eigentlich reden. Das hat für Reisende in Japan zunächst nur die folgende Konsequenz: wenn euch jemand erzählt, eure Reiseroute würde nur die Touristenorte abklappern und ihr hättet das „wahre Japan“ gar nicht kennengelernt, dann liegt dieser Aussage eine recht spezifische Konstruktion von dem zu Grunde, was er oder sie als authentisch japanisch wahrnimmt. Eine vernünftige Aussage dazu, was ihr jetzt gesehen habt, lässt sich daraus nicht ableiten.

Korrekt ist vielleicht: in ländlichen Gebieten bekommt man viel schneller Bezug zu den Menschen die dort leben. Sei es in kleinen Unterkünften oder weil man auf der Straße mit ihnen ins Gespräch gerät. Eine Großstadt wie Tokyo lebt von ihrer Diversität und Anonymität und die Anonymität ist hier nicht als negatives Attribut gemeint, sondern als Grundlage dessen, was Diversität in Großstädten überhaupt möglich macht.[viii] Insofern ist man vielleicht „näher dran“ an den Leuten, wenn man aufs Land fährt. Da dies aber auch extrem von Sprachkenntnissen und der eigenen Persönlichkeit abhängt, und man gerade auch in Tokyo und anderen Großstädten an den richtigen Orten viele Leute kennenlernen kann, ist dieses Argument eine recht heiße Kartoffel. Ländliche Gegenden sind eben auch immer sehr geschlossene Kreise, in die man erst einmal vordringen muss, wenn man nicht nur an der Oberfläche kratzen möchte.

Fuji_Enoshima

Hand aufs Herz: wieso sollte man den Fuji auch nicht sehen wollen?

Wahr ist auch, dass Japan derzeit einen nie dagewesenen Tourismus-Boom von ausländischen Besuchern erfährt. Bei meinem Auslandsjahr 2011 besuchten etwa 6 Millionen Touristen das Land. 2016 waren es bereits über 24 Millionen, also in etwa eine Vervierfachung. Dies schlägt sich vor allem auf der angesprochenen „goldenen Route“ nieder. Es muss wahrscheinlich jeder für sich selbst entscheiden, ob es ihn stört, wenn einige touristisch sehr interessante Orte überlaufen sind. Tokyo, Kyoto und Hiroshima sind aus guten Gründen touristische Hochburgen und persönlich fände ich es für jeden, der Japan vielleicht nur einmal besucht, sehr schade, auf die vielen sehenswerten Orte dort zu verzichten.

Eine Lösung wäre es, auf weniger beliebte Orte auszuweichen, und wie wir auch in unserem Blog immer wieder zu zeigen versuchen, hat Japan abseits der bekannten Orte ebenfalls so viel zu bieten, dass dies sehr gut möglich ist. Aber, und das ist das Fazit dieses kurzen Artikels: jede Art zu reisen hat ihre Vor- und Nachteile und jeder Reisende hat andere Bedürfnisse und Vorlieben. Zudem ist es völlig unklar, was das „wahre Japan“ überhaupt sein soll. Weder gibt es also Grund, auf die Reisepläne Anderer herabzusehen, noch braucht man sich dafür rechtfertigen, wenn man „aus Tokyo nicht rauskommt“.

Atami_Kirschblüte

Man kann sich natürlich aber auch die Kirschblüte in Atami anschauen. Im Januar.

Oder, um es mit den Worten von Kaneko Misuzu (1903-1929) zu sagen:

すずと、小鳥と、それからわたし、
みんなちがって、みんないい。

Das Glöckchen, das Vögelchen und ich,
wir sind alle verschieden, aber alle gut.

Literatur zum Weiterlesen:

[i] United Nations (2016): The World’s Cities in 2016. Data Booklet.

[ii] Craig, Albert M. (2009): Civilization and enlightenment. The early thought of Fukuzawa Yukichi. Cambridge Mass.: Harvard University Press.

[iii] Karan, P. P. (1998): The City in Japan. In: P. P. Karan und Kristin Stapleton (Hg.): The Japanese City. Lexington: The University Press of Kentucky.

[iv] Hohn, Uta (2000): Stadtplanung in Japan. Geschichte – Recht – Praxis – Theorie. Dortmund: Dortmunder Vertrieb für Bau- und Planungsliteratur.

[v] United Nations (2016): The World’s Cities in 2016. Data Booklet

[vi] Hashimoto, Mitsuru (1998): Chihō: Yanagita Kunio’s ‚Japan‘. In: Stephen Vlastos (Hg.): Mirror of modernity. Invented traditions of modern Japan. Berkeley: University of California Press.

[vii] Creighton, Millie (1997): Consuming Rural Japan: The Marketing of Tradition and Nostalgia in the Japanese Travel Industry. In: Ethnology 36 (3), S. 239–254.

[viii] Simmel, Georg (1903): Die Großstädte und das Geistesleben. In: Karl Bücher (Hg.): Die Großstadt. Vorträge und Aufsätze zur Städteausstellung. Dresden: v. Zahn & Jaensch, S. 185–206.

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Elisa [japanliebe] 11. Dezember 2017 - 19:26

Ich muss grad lachen, denn da steht der Satz im „Über mich“ Teil meines Blogs: „In jedem Fall lernst du das echte Japan kennen.“ Für mich ist das mit dem „echten“ Japan keine lokale Verankerung sondern ich beziehe mich auf das Schönwaschen und Augen zumachen vor den auch häßlichen Seiten Japans. Will man nur musizierende Geishas und hübsche Schreine/Tempel sehen, dann war das meiner Meinung nach nicht alles. Für mich gehört da einfach mehr dazu: die abertausend Stromleitungen, verrostete Geräte, windschiefe Häuser, Verhaltensstörungen durch immer gleiche Abläufe im Job oder Spielsüchtige in den Pachinkohallen. Oder mal der Gang in einen Supermarkt, um einkaufende Hausfrauen zu beobachten (um hier mal ein Klischee raus zu hauen) oder einem Geschichtenerzähler im Uenopark zuhören. Das sieht man alles auch auf der goldenen Route, vorausgesetzt man ist bereit hinzusehen.

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Elisa [japanliebe] 11. Dezember 2017 - 19:27

Und ich hoffe übrigens wie Bolle, dass wir Kirschblüten in Atami sehen werden…dann eben im Januar 😀

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Whisi 12. Dezember 2017 - 12:10

Du musst mir jetzt einfach glauben wenn ich sage, wir haben dich nicht damit gemeint. XD

Tatsächlich entstand der Beitrag auch aus der Selbstreflexion heraus. Ich persönlich habe auch Freunden immer gesagt sie sollen aus Tokyo raus, aber in der Beschäftigung mit dem urbanen Raum für die Dissertation und dem wechselnden Fotos auf Tokyo musste ich das hinterfragen. Heute denke ich, Tokyo bietet mehr als ich das in meinem Auslandsjahr in Kyoto wahrgenommen habe.

Es ist nämlich auch so dass die Leute die ihr Jahr in Tokyo verpasst haben keineswegs irgendetwas „verpasst“ haben, sondern nur einen anderen, vielleicht sogar tiefer gehenden Blickwinkel auf das Land gewonnen haben als ich.

Im Endeffekt gilt: man lernt nie aus und das Japan von 2011 ist ja auch nicht mehr das Japan von 2017.

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Japsolut 11. Dezember 2017 - 20:57

Ein toller Artikel, vielen Dank dafür. Besonders gut gefallen mir der Schreibstil und die „wissenschaftliche“ Herangehensweise. Ich habe selbst anderthalb Jahre in Japan leben und das Land unzählige weitere Male besuchen dürfen, was aber nicht bedeutet, dass ich das vermeintlich „wahre Japan“ kennen würde. Vielmehr „leiden“ meiner Meinung nach alle touristischen Länder unter der Devise, dass es etwas „Wahreres“, etwas „Echteres“, etwas „Authentischeres“ gibt als die klassischen Touristenorte, die jeder besucht. Ein Stück weit mag das richtig sein, doch finde ich, dass bereits der Besuch von Skytree, Kinkakuji oder Fuji etwas „Wahres“ besitzt, denn all diese Orte sind zwar voller Touristen, aber doch auch Teil dieses faszinierenden Landes und absolut atemberaubend wie einzigartig (na gut, über den Skytree kann man sich streiten). Spannende Fragestellung auf jeden Fall und ich bin froh, diesen Blog entdeckt zu haben und werde gleich mal weiterstöbern 🙂
Viele Grüße
Sebastian von Japsolut on Tour

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Whisi 12. Dezember 2017 - 12:14

Vielen Dank für den netten Kommentar! Das motiviert uns, uns vielleicht ein wenig weiter in diese Richtung auszuprobieren.

Ich bin übrigens ein großer Freund von Aussichtsplattformen und auch dem SkyTree, es gibt Dinge, die man von oben sehr gut erkennen kann, wenn man nur hinschaut. Vor allem wenn man sich für urbane Strukturen und deren räumliche Ausprägung interessiert. Außerdem, so protzig das Ding auch ist, architektonisch ist es schon extrem interessant. 🙂

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Nao 12. Dezember 2017 - 4:42

Ein sehr schöner erfrischender Beitrag! Ich für meinen Teil bin gerade in Japan und weiss immer noch nicht ob ich das wahre Japan gefunden habe… Wahrscheinlich ist es überall 😉

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Whisi 12. Dezember 2017 - 12:11

Viel Spaß noch in Japan! Wir gehen auch bald wieder auf die Suche. Vielleicht finden wir ja etwas, über das es sich zu schreiben lohnt. 😉

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weltwunderer 12. Dezember 2017 - 15:01

Was für ein wundervoller und erfrischender Beitrag – endlich mal was anderes als „100 Dinge, die du in XY getan haben musst“ oder „Die 5 schönsten Tempel in Kyoto“…

Ja, ich erwische mich auch dabei, dass ich die Augen rolle, wenn ich zum zigsten Mal von Reiseplänen lese, die auf der immer gleichen Route ablaufen. Dein Stichwort „abklappern“ ist für mich genau das, was eben das „nicht-echte“ Japan ausmacht – wobei das auch auf jedes andere Land zutrifft, das man „abklappert“. Die Touristenmassen auf der goldenen Route gehören zum echten Japan aber auch irgendwie dazu, das habe ich auf meinen Reisen hier gelernt; denn die Japaner scheinen selbst äußerst gern Bucket List Orte „abzuklappern“, und das bevorzugt in Reisegruppen 😉

Ich freue mich sehr auf weitere so durchdachte Beiträge hier!

Liebe Grüße
Jenny

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Fabian 14. Dezember 2017 - 9:10

Von 2015-2016 war ich ein Jahr beruflich in Tokyo. Natürlich habe ich die üblichen Touristenorte gesehen, die sind schließlich nicht umsonst so beliebt. Richtig gefreut habe ich mich aber über Wochenendeausflüge bei denen ich keinen einzigen Ausländer gesehen habe: beim Wandern, der Kirschblüte in Fukushima, den kleinen Festen auf dem Land.

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Floratcha 15. Dezember 2017 - 18:24

Sehr schöner Artikel. Nicht oberflächlich, aber auch nicht zu tiefgründig. Das Thema ist sehr interessant. Ich frage mich wie Japaner das „wahre Japan“ beschreiben würden? Vielleicht liegt das „wahre Japan“ aber auch in den alltäglichen Dingen? Das Schlürfen einer Misosuppe und den Genuß von Tee. Ich denke, dein Endzitat trifft es ganz gut.
Liebe Grüße,
Flora
Ps: Ich liebe das zweite Foto!

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lifeinjapanisstrange 16. Februar 2018 - 5:20

Es ist doch alles das „echte“ Japan, oder nicht? Auch die Touristenhochburgen sind ein Teil von Japan und dabei nicht unecht. Es ist nur ein anderer Aspekt von Japan den man erlebt, wenn man Gebiete besucht, die nicht so stark von Touristen besucht werden. Am besten sollte man so viele Aspekte von Japan wie möglich erleben, um sich ein gutes Bild zu machen, aber bei Reisen hat man ja auch nur ein beschränkte Zeit zur Verfügung.

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Claudia 23. Februar 2018 - 3:52

Ein sehr schönes Zitat hast du da am Ende. 🙂
みんなちがって、みんないい – Es hat halt jeder andere Erwartungen von seinem Urlaub oder Auslandsjahr. Das irgendjemandem schlecht machen zu wollen, finde ich daneben.

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