Japan: Im Namen der Zwiebel

Warum. Schonwieder. Japan.

Wie oft habe ich diesen Satz schon voller Unverständnis gehört. Eigentlich liegt die Antwort auf der Hand: Japan ist ein Land, dass man als Tourist so oberflächlich erkunden kann, dass man quasi nichts gesehen hat. Jeder, der einen Ort lieb gewonnen hat, weiß, dass er sich in verschiedenen Schichten präsentiert. Eben wie eine Zwiebel, die man erst einmal schälen muss um zu finden wo man eigentlich heran möchte.

Das ist keine Beobachtung die irgendwie nur speziell auf Japan zutrifft. Es gibt die obere Schicht, die touristisch meist interessanteste. An ihr wird gekratzt und geschabt bis man denkt alles gesehen zu haben. Schöne Tempel in Kyôto, verrückte Cafés in Tôkyô, Einkaufen in Akihabara. So etwas. Letztendlich ist sie aber nur die Schale. Das Äußere eben. Auch Zwiebeln, zumal die hübschen Roten, sind ja von außen nicht hässlicher als von Innen. Außerdem muss man nicht weinen wenn man sie lediglich anschaut.

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Japan. Ein Land wie ein Rettich eine Zwiebel. Oder was auch immer das ist.

Japan aber bietet extrem viel abseits der Hauptreiseroute zwischen Tôkyô und Kyôto, abgefahren in einer Woche mit dem Rail Pass. Die japanische Tourismusorganisation versucht angesichts der Besucherströme auch dieses Potential nutzbar zu machen. Waren es 2010 noch 8.5 Millionen ausländische Besucher, verfehlte man die 20-Millionen-Marke 2015 nur knapp. Was das für Hotels und die Infrastruktur an den Hot-Spots bedeutet, kann man sich denken und so möchte man die Leute raus bringen aus Tôkyô und Kyôto. Das geht so weit, dass trotz der Skepsis in der Bevölkerung und der derzeit unklaren Rechtslage versucht wird, mit privaten Mietportalen wie AirBNB zu experimentieren. Wenn man aber die Situation in den großen beliebten Städten nicht durch Hotelbauten abmildern kann, dann liegt es auch nahe die Leute dorthin zu bringen, wo noch nicht so viele Touristen sind. Und es lohnt sich!

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Alle wollen nach Tôkyô. Und wieso auch nicht? Die Stadt ist extrem spannend.

Schon die Geographie zeigt die Diversität dieses Landes auf. Wer sich Japan auf der Landkarte ansieht wird schnell bemerken, dass es ein langes Inselland ist. Und wie lang. Von 45. Breitengrad bei Wakkanai im Norden von Hokkaidô bis Hateruma im Süden von Okinawa am 24. Breitengrad sind es fast 3000 Kilometer. Zum Vergleich: das entspricht in etwa der Entfernung von Berlin nach Damaskus. Man befindet sich also schon beim Wetter vor der Wahl: feuchtes Kontinentalklima oder tropischer Regenwald. Dazwischen gibt es alles in verschiedenen Ausprägungen.

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Japan hat auch tropische Strände. Dieses Jahr zieht es mich schon zum Dritten mal nach Okinawa. Vor allem die Yaeyama-Inseln (hier Ishigaki-jima) sind extrem schön.

Natürlich gibt es auch in Japan – und das halte ich auch für völlig legitim – Dinge die besonders herausstechen und die touristisch interessanter sind als viele andere Orte. Bewegt man sich an der obersten Ebene der Erkundung eines Landes, an der Schale der Zwiebel, wird man diese nicht nur besonders oft sehen, man wird sie auch sehen wollen. Wer Kyôto und Tôkyô nicht gesehen hat, kann zu Recht auf die Idee kommen, etwas zu verpassen. Beide Städte bieten sowieso mehr als ein Urlaub abdecken könnte.

Aber es gibt noch diese weiter unten liegende, leicht versteckte Ebene. Man muss auch gar nicht lange suchen um an sie heranzukommen, im Normalfall reicht es einfach die Augen für Neues geöffnet zu haben und keinen all zu strickt normierten Reiseplan zu haben. Diese Ebene besteht zum einen aus Orten die weniger stark frequentiert werden. Zum anderen ändert sich aber auch die Art des Reisens und die Intensität mit der man neue Eindrücke aufnimmt. Plötzlich sind Tempel und Sushiläden nur noch von untergeordnetem Interesse und man erkundet eine Stadt oder Gegend nicht mehr auf Grund von einzelnen Sehenswürdigkeiten, sondern um die Atmosphäre des Ortes aufzunehmen. Reisen um des Reisens willen. Dabei hilft es zumindest mir persönlich, wenn ich auf langsamere Fortbewegungsmittel umsteige. Den eigentlich hektischen groben Plan den wir erstellt habe quasi partiell an den wichtigen Stellen entschleunige. Städte werden zu Fuß, die Umgebung mit dem Fahrrad erkundet. Statt der großen Hauptstraße wird bewusst ein Umweg über Nebenwege und Gassen genommen. Auch beim Joggen in der Nachbarschaft lassen sich einzigartige Eindrücke aufnehmen. Es hat etwas beruhigendes, am Alltag anderer Menschen teilhaben zu können, ohne dass man die stressigen Aspekte dieses Alltages teilen muss. Man ist ja schließlich immer noch im Urlaub. Im Idealfall bringt man mehr Zeit mit als man bräuchte, um alles zu sehen, was man sich vorgenommen hatte. Aber auch das ist in der Realität meist einfacher gesagt als getan. Auch wir möchten im Urlaub so viel sehen und machen wie wir nur können. Aber das muss ja nicht bedeuten, von einer Shinkansen-Station zur nächsten zu hetzen. Die richtige Balance von viel sehen und viel aufnehmen ist wahrscheinlich der wichtigste Faktor einer gelungene Reise. Diese Balance aber ist so vielfältig wie der Reisende selber, jeder hat seine Eigenzeit und persönliche Aufnahmekapazität.

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Geht immer: Radfahren in Japan. Vor allem wenn man unterwegs so extrem modische Accessoires wie diesen tollen Hut für 300 Yen kauft, um nicht in der Sonne zu sterben.

Die dritte Schale der Erlebniszwiebel entblättert sich über persönliche Verbundenheit. Hier stößt man dann quasi zum essbaren Teil der Zwiebel vor, und im besten Fall bringt sie einem auch nicht zum weinen. Man lernt Menschen, Orte oder Restaurants kennen, die einen besonders und langanhaltend begleiten. So kann man auch beliebig oft das gleiche Ziel ansteuern, ohne das es auch nur im Ansatz langweilig wird. Irgendwie ist einem bewusst, dass man als Tourist und Austauschstudent niemals bis zum Kern der Zwiebel vordringen wird, aber man hat von ihr gekostet, schon 2 Lagen abgeschält und es gelüstet einem nach mehr. Gewissermaßen wird Reisen zur Sucht, aber man muss nicht unbedingt neue Orte besuchen, um sich den nötigen Kick zu geben. Ein anderer Blickwinkel auf schon bekannte Ziele stillt den Durst nach mehr ebenso gut.

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Warum wir reisen. Tipp: das Bier ist nicht der Grund.

Unsere Reisen nach Japan sind wahrscheinlich meist eine Mischung aus allen drei Ebenen. Es gibt nicht mehr viele große Touristenattraktionen die ich nicht kenne. Aber es gibt noch unzählig viele „kleinere“ Attraktionen, von denen ich so viele wie möglich noch sehen möchte. Von denen ich noch nicht einmal weiß, das sie überhaupt existieren. Fast am wichtigsten sind aber die erwähnten Orte der Verbundenheit. Auf Grund meines Auslandsstudiums ist dies bei mir vor allem Kyôto, und folglich begann bisher jede meiner Reisen nach Japan dort. Beim Treffen mit Freunden. Im Ramen-Shop neben dem Studentenwohnheim in Yamashina. In der Ing-Bar. Am Campus der Uni.

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Zwar nicht die Alma Mater, aber doch ein Jahr des eigenen Lebens. Und was für ein Jahr!

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Hako-san aus der Ing-Bar in Kyôto. Mysteriös: immer wenn ich die Bar betrete ertönen plözlich Die Ärzte unplugged.

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Die besten Karaage der Welt gibt es im Raisanken in Yamashina. Und zwar nur da. Hmmmm, lecker! Kostenlose Beilage: viele lustige japanische Vokabeln zum Lernen.

Wahrscheinlich gibt es so viele Arten zu Reisen wie es Menschen gibt. Vor allem gibt es in Japan aber mehr Interessante Orte als es Reisezeit gibt.

Und wir? Wir reisen im März erneut zum Schälen der Zwiebel. Die Messer sind gewetzt und es gelüstet uns nach mehr! Und zum ersten mal sind wir dann auch mit einer etwas besseren Kamera unterwegs.

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Ein Geständnis zum Schluss: Auch an der Zwiebelschale fühle ich mich zuweilen pudelwohl. Akihabara zum Beispiel ist sehr schalig. Aber einmal pro Urlaub genau der Ort wo ich sein will.

(Whisi)

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