Der Biwa-See: Ein Ausflug zu Japans größtem See

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Ein Angler am Ostufer des Biwa-See, etwas nördlich von Kusatsu.

 

Der Biwa-See ist Japans größtes Binnengewässer. Er ist mit 674 km² etwas größer als der Bodensee und bekam seinen Namen wohl von seiner Form, die der Biwa-Laute ähnelt. Am Westufer zwängen sich auf einem schmalen Streifen zwischen Bergen und Wasser die urbanen Ausläufer der von Süden her um den See wachsenden Großstadt Ôtsu (大津), im Norden gibt es hingegen noch mehr Berge und relativ viel Natur. Das geräumigere Ostufer ist gespickt mit Städten wie Kusatsu, Hikone, Nagahama und Ômi-Hachiman, die jede für sich und je nach Interesse mal mehr und mal weniger touristisch interessant sind.

In den 70er Jahren war der See vornehmlich bekannt für Schmutz. Das Ökosystem war kurz vor dem Kippen, die Tierwelt litt und unangenehme  Blaualgen breiteten sich unkontrolliert aus. Durch verschiedene Aktionen und Projekte vor allem der lokalen Bevölkerung aber auch der Präfekturverwaltung, konnte die Verschmutzung deutlich reduziert werden. Heute ist  die Qualität des Wassers vor allem im nördlichen Teil wieder sehr gut und durchaus zum Baden geeignet.

Anreise: Wie kommt man zum Biwa-See?

Den Biwa-See erreicht man am besten mit dem Fahrrad… würde ich gerne schreiben, denn er und meine Stadtmöhre haben ein besonderes Verhältnis  zueinander entwickelt. Aber dazu später mehr.

Der See selber liegt in der Kinki-Region in West-Japan, wird komplett von der Präfektur Shiga  (滋賀県) umschlossen und ist am besten vom Hauptbahnhof Kyôto aus zu erreichen. In unter 10 Minuten kommt man für 200 Yen nach Ôtsu, der größten Stadt am See. Sie ist ein guter Ausganspunkt zum Sightseeing. Nach Hikone am anderen Seeufer braucht es etwa 50 Minuten und 1.140 Yen.

Kommt man aus Richtung Tokyo, erreicht man den See über Nagoya. Der nächste Shinkansen-Halt ist Maibara (米原), von dort aus erreicht man Hikone mit dem Regionalzug in 5 Minuten. Die Fahrtdauer ab Nagoya beträgt etwa 50 Minuten und schlägt mit 3.740 Yen zu Buche. Ohne Shinkansen dauert es entsprechend länger, dafür kann man mit 1.490 Yen auch mit weniger als der Hälfte des Preises auskommen. Von Nagoya nach Ôtsu kommt man am schnellsten, wenn man den Shinkansen nach Kyôto nutzt und von dort wie oben beschrieben  Richtung See zurückfährt.

Sehenswertes am Biwa-See

Direkt am See gibt es eine Menge zu sehen und ich möchte im Folgenden ein paar Orte auflisten, die mir während meiner wiederholten Reisen dorthin besonders gut gefallen haben. Die Vorschläge sind freilich frei jeden Anspruchs auf Vollständigkeit, die Wertung eine rein persönliche.

Das bekannteste Ziel ist vielleicht Hikone (彦根). Hikone ist nicht nur Heimat eines seltsamen Maskottchens (man nennt diese allgemein ゆるキャラ yuru kyara) namens Hikonyan, es gibt dort auch eine der 12 original erhaltenen Burgen Japans zu bestaunen. Die Burg Hikone kann dabei wahrscheinlich nicht ganz mit der Schönheit Himejis mithalten, hat aber den Vorteil, geographisch viel schöner – direkt auf einem Hügel am Biwa-See – zu liegen. Am Fuße der Burg liegt der Genkyû-en (玄宮園), ein Garten dem man eine gewisse Schönheit nachsagt. Im Winter kommt diese aber leider nicht ganz zur Geltung.

Die Burg Hikone im Winter.

Der Genkyû-en, ein Landschaftsgarten nach Art der chinesischen Tang-Dynastie, am Fuße der Burg Hikone.

Blick von der Burg Hikone zum Biwa-See.

Ôtsu (大津) wiederum ist mit über 350.000 Einwohnern Sitz der Präfekturverwaltung Shigas und größte Stadt am Biwa-See. Sie liegt nur einen Katzensprung von Kyôto entfernt. Es ist sogar problemlos denkbar, ein Hotel in Ôtsu zu buchen wenn man in Kyôto nichts mehr findet, denn die Fahrt dauert nicht viel länger als ein U-Bahn-Transfer innerhalb der Stadt.

Ôtsu ist vor allem bekannt für das große Biwa-See-Feuerwerk im Sommer (琵琶湖花火大会) und die Städtepartnerschaft mit Würzburg. Neben einer Würzburg-Straße gibt es auch ein deutsches Restaurant im Fachwerkambiente – das Würzburg-Haus.  Die größte Attraktion ist der Mii-dera (三井寺), ein prächtiges Tempelgelände mit Blick über den Biwa-See, inklusive einer fünfstöckigen Pagode. Am südlichen Abfluss des Sees findet man den ebenfalls lohnenswerten Ishiyama-dera (石山寺).

Der Mii-dera überblickt den Biwa-See und Ôtsu.

Der Hafen von Ôtsu.

Das Würzburg-Haus, ein Symbol der Städtepartnerschaft zwischen Ôtsu und Würzburg, beherbergt ein deutsches Restaurant.

Das Feuerwerk am Biwa-See ist eines der größten und schönsten Japans.

Nagahama (長浜) ist unter ausländischen Touristen eher unbekannt. Auch ich bin nur hingefahren, weil ich weiß, dass es eine  Städtepartnerschaft mit Augsburg gibt. Freunde von mir nahmen an einem Austauschprogramm beider Städte teil, und so drängte sich Nagahama hin und wieder in Gesprächen ins Bewusstsein. In Nagahama gibt es ebenfalls eine Burg, allerdings eine Zement-Reproduktion. Die ursprünglichen Bauelemente wurden… nun, recyclet. Man findet sie heute zum Beispiel teilweise in der Burg von Hikone. Die Burg-Attrappe funktioniert als kleines Museum und Aussichtsplattform über den See. Das Stadtbild von Nagahama ist geprägt von Glasstudios, die selbstgebrannte Waren verkaufen. Touristen kommen vor allem, um die pittoresken Häuser mit den schwarzen Wänden zu sehen.  Auch ein buddhistischer Tempel und ein Museum für Actionfiguren warten auf einen Besuch.

Die Burg von Nagahama – eine Reproduktion von 1983. Die Aussicht von Oben lohnt einen Besuch.

Kurokabe – schwarze Wände. Eine Attraktion im Stadtbild von Nagahama.

Im Kaiyodo Figure Museum gibt es nicht nur Anime-Figuren, sondern auch Dinosaurier und anderes Getier.

Baden im Biwa-See

Wie bereits erwähnt, hat sich die Wasserqualität im Biwa-See wieder soweit erholt, dass man bedenkenlos baden gehen kann. Der von Kyôto aus am nächsten gelegene Badeplatz ist der in Manohama (真野浜水泳所). Dort kann man unter schattigen Kiefern und fliegendem Getier im lauwarmen See schwimmen gehen. Die Wassertemperatur im Hochsommer ist tatsächlich nicht sehr erfrischend, es hat eher etwas von einer großen Badewanne. Man sollte aber nicht zu weit hinausplanschen, denn die allmächtigen gelben Bojen weisen, wie überall in Japan,darauf hin, wie weit man ins Wasser hinein darf. Hält man sich nicht daran, wird man per Megaphon harsch zurückgewiesen. Wer nicht auf Dauerbeschallung steht sollte Manohama vielleicht sowieso meiden. Bei meinem letzten Besuch wurde der ganze Strand aus schlechten Lautsprechern permanent mit einer japanische Version des Oasis-Songs „Wonderwall“ malträtiert. Musikbeschallung an den unmöglichsten Orten ist jedoch auch eine japanische Spezialität.

Die Anfahrt ist mit dem Radl recht einfach: man folgt dem großen verrosteten Riesenrad an der Großen Biwa-See-Brücke (琵琶湖大橋) und fährt am Ufer in nördliche Richtung über einen kleinen Zufluss, bis man direkt am Strand ankommt. Von Kyôto aus ist man in etwa einundhalb Stunden da. Mit dem Zug kann man die JR Kosei-Linie (湖西線) bis zur JR Station Ono (小野駅) nehmen und am Ufer etwa einen Kilometer nach Süden laufen. Ganz praktisch ist das nicht, schon gar nicht es heiss ist. Als ich das letzte mal mit dem Rad nach Manohama fuhr, musste sich meine Stadtmöhre kurz vor Katata 堅田 einen Platten einfangen. Gut, dass die nette Dame im Conbini um die Ecke uns ein Fahrradgeschäft empfehlen konnte. Während das Rad also repariert wurde, liefen wir von Katata Station nach Manohama. Das sind etwas über 2km und wenn man einfach nur Baden gehen möchte, ist das schon eine nervige Distanz. Wenn man aber nicht ganz lauffaul ist schafft man den einen Kilometer von Ono locker, und ich bin immer noch der Meinung, dass Manohama hübscher ist als alles was man sonst in der Nähe von Kyôto zum schwimmen bekommt.

Manohama mit Steg und Bergen im Hintergrund.

Vorsicht, Federvieh klaut gerne Bentos!

Blick von Manohama nach Ôtsu. Das große Prince Hotel dominiert Ôtsu von Weitem.

Der zweite und etwa besser zu erreichende Ort zum Baden ist der Strand bei Ômi-Maiko. Von Kyôto aus braucht man hier aber mit dem Rad schon mindestens 2-3 Stunden, es empfiehlt sich also eine längere Tour einzuplanen oder mit dem Zug anzufahren. Auch hier fährt die JR Kosei Linie bis zur Station Ômi-Maiko (近江舞子駅) von wo aus sich in wenigen Gehminuten verschiedene Strände erreichen lassen.  Bis zum Kitahama (北浜) sind es etwa nur knapp 100 Meter. Ômi-Maiko besticht vor allem durch die gute Erreichbarkeit und eine tolle Kulisse, mit den Bergen im Hintergrund und Kiefern am Strand. Von Kyôto aus kann man direkt in unter 50 Minuten und vor 670 Yen dort hin fahren. Mit etwas Glück erwischt man auch den Expresszug Richtung Tsuruga, der für den selben Preis nur 30 Minuten braucht. Das Foto ist zugegeben etwas trist, aber davon sollte man sich nicht abschrecken lassen. Bei schönem Wetter ist Ômi-Maiko wirklich angenehm und auch ohne Rad gut zu erreichen.

Ômi-Maiko bei tristem Wetter. Jaja, ich nehme zum Baden selten die Kamera mit. Es rächt sich.

Radeln am See

Wir mögen Radfahren. Also Kumi und ich. Und manchmal gilt auch, dass dies zu seltsamen Vorhaben führt. Die Rundfahrt um den See ist bis auf einen etwas anstrengenderen Teil im Norden relativ einfach, da größtenteils flach und gut befestigt. Deshalb entschloss ich auch, mit meiner Stadtmöhre (fortan Mamachari ママチャリ – also Mama-Radl – genannt) ohne Gangschaltung oder andere Annehmlichkeiten die etwa 200km lange Tour um den See zu wagen. Man kann das theoretisch mit einem Leihfahrrad von Kyôto aus machen, aber man verlässt die Präfektur und sollte vielleicht vorher abklären, was im Falle eines Plattens oder ähnlichen Problemen auf einen zukommen könnte. Viele Verleiher haben etwa eine Klausel, die es nicht erlaubt die Stadtgrenze zu verlassen. Es gibt auch die Möglichkeit, extra für eine Seeumrundung ein etwas besseres Fahrrad zu leihen. Allerdings habe ich noch keine wirklich empfehlenswerte Lösung für ausländische Touristen, die kein Japanisch sprechen, gefunden.

Der Zugang zum See ist von Kyôto aus relativ gut möglich – wenn auch streckenweise wenig idyllisch. Man folgt einfach der Sanjô-Straße 三条通り bis zum Ende. Also wirklich, bis zum bitteren Ende. Nicht vorher aufhören, weil die Straße breiter und die Berge steiler werden. Die erste Herausforderung ist es, die Higashiyama-Berge zu überqueren, um den etwas abgeschiedenen Stadteil Yamashina 山科区 zu erreichen. Dort folgt man der Straße so lange, bis man erneut auf Berge stößt. Das Problem: spätestens hier kreuzt irgendwann die Meishin-Autobahn und die Straße darunter wird auch immer breiter und breiter. Eine gute Strategie ist es, irgendwie den Gleisen der Keihan-Linie bis zur Station Oiwake 追分駅 zu folgen und danach die Straße mit Hilfe einer Fußgängerüberführung zu queren.  Danach geht es wieder bergauf, man folgt der Straße durch ein schönes Tal, die Autobahn kreuzt irgendwann über einem und alsbald geht es wieder bergab, bis man schließlich nach Ôtsu einfährt. Orientierung bietet bis auf eine Kurze Strecke im Tunnel die Keihan-Linie – sie fährt nahezu parallel nach Ôtsu. Die Strecke von Yamashina bis Ôtsu ist, wenn bergauf nicht geschoben wird, in unter 30 Minuten machbar.

Blick von der Fußgängerüberführung bei Oiwake nach Yamashina.

Charmant: man folgt ab Yamashina der Nationalstraße Nummer 1, die in weiten Teilen dem historischen Tôkaidô bis nach Tôkyô folgt. An dieser Stelle ist der Aufstieg geschafft – es geht nur noch bergab bis Ôtsu. Links fährt man mit dem Rad. Echt.

In Ôtsu angekommen muss man sich entscheiden, ob man den See im Uhrzeigersinn oder dagegen umfahren möchte. Beide Optionen sind möglich, je nachdem ob und wo man übernachten möchte. Ich bin zuerst das Westufer hochgefahren, weil der Plan ursprünglich vorsah, eine Nacht in Nagahama zu verbringen. Das Westufer ist viel befahren und für Fahrräder überhaupt nicht ausgebaut. Man fährt vorwiegend auf vielbefahrenen Straßen die man sich oft mit Kleinlastern teilen muss. Auf Grund des engen Platzes zwischen Bergen und See hat man auch keine wirkliche Alternative dazu. Am Ostufer gibt es teilweise ausgebaute Radwege (vor allem nördlich von Nagahama) und die Wege sind allgemein besser ausgebaut und großzügiger. Meistens fährt man über wenig befahrene Straßen zwischen Reisfeldern hindurch und gibt es keine Radwege, dann zumindest immer genug Platz auf den Fußwegen, auf denen man in Japan ja sowieso radelt.

Mordor… ähhhh der Biwa-See vom Westufer aus gesehen.

Mit der Mamachari Möhre irgendwo bei Makino am Nordteil des Sees. Man beachte das Rücklicht (nicht üblich in Japan) und die elegante Art, einen Schirm mitzuführen.

Der Shirahige-Schrein bei Takashima hat dieses gewisse „Hiroshima“-Flair.

Die Tour selber macht man aber vor allem wegen den Streckenabschnitten im Norden. Zwischen Makino am Westufer und Nagahama am Ostufer gehen die Berge teilweise bis an den See heran, und weite Sumpf- und Schilflandschaften bilden den Lebensraum für unzählige Tiere. Es ist alles in allem einfach eine schöne Landschaft zum radeln.

Sumpf und Schilf. Vereinzelt gibt es Hütten und Plattformen für Vogelbeobachter. Und diese Leute mit astronomischen Objektiven an den Kameras.

Auf der anderen Seite unverkennbar: das Prince Hotel in Ôtsu. Die Tour ist fast vorbei. Endspurt!

Übrigens: nachdem ich mein Übernachtungsziel Nagahama schon um 12 Uhr mittags erreicht hatte, beschloss ich, die gesamte Tour an einem Tag durchzuziehen. Zur Orientierung: Ich bin um 4:30 am Morgen in Kyôto losgefahren und war um 18 Uhr wieder am Wohnheim in Yamashina. Es ist also durchaus an einem Tag möglich – wenn man ein entsprechendes Rad hat sowieso. Allerdings habe ich auf dieser Tour keine längere Pause gemacht um mir Städte oder Sehenswürdigkeiten anzuschauen. Das ist auf kürzeren Touren und mit Freunden per Zug geschehen.  Für den ersten Trip zum Biwa-See kann ich das also nicht unbedingt empfehlen, gleich die Radtour anzupeilen. Möchte man das trotzdem, sollte man sich meiner Meinung nach mindestens 3 Tage Zeit lassen.

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(Whisi)

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