Yamashina – der vergessene Stadtteil Kyôtos

Es ist unbestritten, dass Kyôto ein Juwel japanischer Kultur ist. Dank ausbleibendem Bombenhagel im 2. Weltkrieg ist die Stadt heute reich an älterer Bausubstanz, vor allem in Form von Tempeln und Schreinen. Auch wenn ich durchaus schon Stimmen vernommen habe, die die Stadt als langweilig und recht hässlich beschreiben, vor allem von jenen, deren Sinne gerade erst in Tôkyô oder Ôsaka überflutet worden. Bewegt man sich entlang der großen Achsen im Stadtzentrum oder in den Wohngebieten im Süden, wundert dieser Eindruck aber wirklich nicht. Kyôto hat extrem hässliche Seiten – aber welche Stadt hat das nicht?

Millionen Touristen kommen jährlich, um sich silberne und goldene Tempel im Norden oder rote Torbögen im Süden anzuschauen, durch Gion zu schlendern und die von Gemüse und Tofu geprägte Kaiseki-Küche zu probieren. Die meisten von ihnen gehen wahrscheinlich zufrieden nach Hause und erzählen dort von der märchenhaften Atmosphäre am Fushimi-Inari (伏見稲荷大社) und dem Protz und Prunk des Rokuon-ji (鹿苑寺). Kultur und Gastronomie hin oder her – in Kyôto leben auch Menschen, und sie tun das oft nicht in Tempeln sondern in Wohnblöcken (団地) und Siedlungen an den Stadträndern.  Ein Stadtteil den dabei sogar alteingesessene Einwohner kaum wahrnehmen ist Yamashina (山科区).

Wo liegt Yamashina eigentlich?

Nach Yamashina verirrt man sich normalerweise nicht aus Versehen. Das Gebiet liegt in einem eigenen Talkessel, im Westen von der Innenstadt Kyôtos durch die Higashiyama-Berge abgetrennt. Die Anbindung an die Innenstadt ist dabei gar nicht mal schlecht, die Tôzai-Linie (東西線) der U-Bahn verläuft von den Stationen Misasagi (御陵駅) bis Ono (小野駅) durch Yamashina und bringt Einwohner wie Besucher innerhalb von 6 Minuten zentral nach Sanjô-Keihan (三条京阪). Auch die Keihan-Linie zum Biwa-See durchquert den Stadteil und bietet mit den Stationen Keihan-Yamashina (京阪山科駅) und Shinomiya (四宮駅) eine direkte Verbindung in die Stadt. Nicht zuletzt kommen Reisende aus Richtung Tôkyo am Bahnhof JR-Yamashina (JR山科駅) vorbei wenn sie mit Lokal- oder Expresszügen nach Kyôto fahren. Von Yamashina bis zum Hauptbahnhof Kyôto dauert es dabei nur 5 Minuten. Praktisch für alle, die zum Flughafen in Osaka (KIX – 関西国際空港) müssen: am Morgen und am Abend gibt es sporadische Direktverbindungen des Haruka-Express, der zuweilen bis Kusatsu am Biwa-See durchfährt. Ist man per Fahrrad unterwegs lässt sich das Stadtzentrum von der Station Misasagi aus in etwa 15 Minuten erreichen, allerdings nicht ohne die Berge zu überwinden.  In die andere Richtung ist es – ebenfalls durch Berge abgetrennt – nicht viel weiter nach Ôtsu am Biwa-See.

Yamashina auf Höhe der Go-jô Straße. Der Shinkansen fährt hier nur durch.

Sehenswertes in Yamashina

Eines ist klar: das Yamashina in praktisch keinem Reiseführer zu Kyôto auftaucht – und zwar egal ob man in den englischen, deutschen oder japanischen Ausgaben schaut – hat schon gewisse Gründe. Vor allem Liegt das an den vielen sehenswerten Orten in und um Kyôto, die auch ich bei einem Kurzaufenthalt vorziehen würde. Allerdings bekommt man hier etwas, was man in den überlaufenen Innenstadtgebieten nicht bekommt: einen kleinen Einblick in Alltag und Leben abseits der touristischen Hochburgen. Wer also nicht gerne Schlange steht am goldenen Tempel oder nicht mehr weiß ob es in Arashiyama nun mehr Bambus, Affen oder Eisverkäufer gibt, der sollte ruhig mal einen Blick riskieren.

Der Biwa-See-Kanal (琵琶湖疏水)

Den Kanal, der den Biwa-See mit Kyôto verbindet, kennen einige Besucher Kyôtos. Die Kirschblüten an der Bootsrampe bei Keage (蹴上) sind berühmt, ebenso wie der nahe Nanzen-ji (南禅寺). Vor dem städtischen Zoo, in der Nähe des großen roten Torbogens des Heian-Schreines (平安神宮), wird der schmale Strom zu einem breiten Kanal auf dem auch Bootsfahrten möglich sind. Dort gibt es auch ein Museum zur Geschichte und Funktion des Kanals. Er wurde in der Meiji-Zeit im Jahre 1890 vollendet und diente vor allem dem Warentransport zwischen Kyôto und dem Biwa-See. Aber auch ein Wasserkraftwerk – das erste seiner Art in Japan – wurde gebaut. Dessen Energieerzeugnisse wurden dazu benutzt, die Trambahnen von Kyôto anzutreiben. Durch die vielen Berge verläuft der Kanal, der zwei verschiedene Routen hat, durch eine ganze Serie von Tunneln und auf Grund des Höhenunterschiedes wurden die Boote dort, wo das Wasserkraftwerk steht, per Bootsaufzug die letzten Meter nach Kyôto hinein transportiert.

Nun ist vor allem dieser Abschnitt bei Touristen beliebt, der Großteil des Kanals führt jedoch offen an den nördlichen Bergen von Yamashina vorbei. Er ist heute vor allem als Weg für Spaziergänge beliebt und mit Beschilderung und Kilometermarkierungen auch als Jogging-Strecke ausgebaut. Durch die etwas erhöhte Lage bekommt man schöne Blicke auf Yamashina und die nahen Züge der Tokaidô-Hauptlinie (東海道本線). Der Name ist übrigens eine Reminiszenz an die alte Straße, die Kyôto mit Ôsaka verband und ebenfalls hier durch Yamashina führte.  Im Frühling sorgen vor allem die Kirschblüten und Rapspflanzen für ein farbenfrohes Spektakel, dass aber auch im Herbst dank des roten Laubes nicht schlechter ist. Übrigens: auch die älteste Stahlbetonbrücke Japans quert den Kanal. Ich persönlich habe den Kanal vor allem beim Joggen lieben gelernt, Fischreiher säumen den Weg und man trifft sehr oft freundliche Anwohner, die dort ebenfalls Sport machen oder spazieren gehen.  Erreichen kann man ihn einfach, indem man von den Stationen Misasagi oder Yamashina etwa 5 Minuten nach Norden Richtung Berge geht.

Der Biwa-See-Kanal im Herbst.

Auch allerlei Getier gehört zum üblichen Bild.

Im Frühling wird der Kanal richtig schön.

Der gelbe Raps harmoniert wunderbar mit den Kirschblüten, oder?

Einer der unzähligen Tunnel zwischen Ôtsu und Kyôto. Früher fuhren hier Boote mit Waren hindurch.

 

Das Grab des Kaisers Tenji (天智天皇陵)

Ok, es ist ein Grab. Nichts Besonderes,  aber es ist ganz hübsch begrünt und direkt dahinter beginnt der Biwa-See-Kanal. Für Geschichtsinteressierte: Tenji Tennô lebte Mitte des 7. Jahrhunderts und kam somit in die Zeit der Taika-Reformen. Er war der 38. Kaiser Japans und sein Hof war wohl irgendwie bei Ôtsu. Ansonsten weiß man wohl nicht so furchtbar viel über ihn. Hin kommt man über die U-Bahn Station Misasagi (御陵駅) was übersetzt auch soviel wie „Kaisergrab“ bedeutet.

Der Eingang zum Misasagi.

Das Grab… ähm… Gelände?

Endstation. Hier liegt Tenji. Vielleicht.

 

Bishamon-dô (毘沙門堂)

Bishamon-dô ist ein kleiner buddhistischer Tempel nördlich vom Bahnhof Yamashina. Er ist extrem schön im Herbst, wenn das Laub sich rot färbt, und gehört zu einem der angesagtesten Plätze für die Kirschblütenschau im Frühling. Aus Gründen die ich nicht mehr ganz nachvollziehen kann, habe ich dort nie Fotos gemacht, kann aber sagen, Bishamon-dô ist ruhig und schön, es lohnt sich. Wie alle Sparschälerjournalisten füge ich einfach Instagramm-Bilder von anderen ein, weil ich selber keine habe!

 

Honkoku-ji (本圀寺)

Zum Honkoku-ji weiß ich gar nicht viel. Er gehört zur Nichiren-Schule und… ist goldig. Ja richtig, sowohl die Torbögen (鳥居 torî) wie auch einige Schmuckelemente sind mit Gold überzogen und geben dem kleinen Tempel deshalb ein sehr individuelles Aussehen. Man erreicht ihn ganz einfach über eine kleine rote Brücke die direkt hinter dem Kaisergrab über den Biwa-See-Kanal führt.

Eingangstor mit goldenen Wächtern.

 

… und ein goldener Drachen darf auch nicht fehlen!

 

Shôgunzuka (将軍塚)

Ein Highlight in Yamashina ist sicher auch die Aussichtsplattform am Shôgunzuka. Dort oben, in den Higashiyama-Bergen, gibt es einen kleinen Grabhügel, einen kleinen Tempel mit Garten, aber vor allem eine atemberaubende Aussicht über das gesamte Stadtgebiet von Kyôto. Die stelzige Plattform ist dabei von unten gesehen extrem hässlich, aber sie ermöglicht einen Blick über die Baumgipfel hinweg. Leider gibt es dort oben keinerlei öffentliche Verkehrsmittel, weshalb man entweder von Yamashina aus über eine enge und gewundene Straße, oder von Zentral-Kyôto über die Tempelanlage des Chion-in, von wo aus ein kleiner Waldweg nach oben führt, aufsteigen muss. Kommt man von Yamashina, geht es übrigens vorbei an einem kleinen verfallenen Wasserpark. Stichwort廃墟 haikyo – verfallene Orte. Der Aufstieg dauert etwas über eine halbe Stunde.

 

Verlassener Aquapark beim Aufstieg von Yamashina aus.

 

 

Blick von der Aussichtsplattform nach Norden auf den Kaiserpalast.

Bahnhof und Kyôto-Tower im Süden.

 

Kajû-ji (勧修寺)

Dieser Tempel befindet sich recht zentral in Yamashina und wird dominiert durch einen großen Teich und allerlei Tierleben, das sich dort breit gemacht hat. Wenn man zur rechten Zeit dort ist, kann man außerdem die Seerosen blühen sehen. Der Kajû-ji liegt direkt neben der Meishin-Autobahn, deren Präsenz durch umfangreiche Lärmschutzmaßnahmen aber kaum wahrnehmbar ist. Die nächste U-Bahn-Station ist Ono (小野駅), von wo aus man den Yamashina-Fluss quert und nach etwa 500m da ist.

Des Hauptgebäude des Tempels

Der zentrale Teich und die zweistöckige Pagode.

Auch ein Bienenvolk macht mal Pause.

 

Der alte Tôkaidô (旧東海道)

In der Nähe des Bahnhofes Yamshina verläuft parallel zur Sanjô-Straße (三条通り) der Weg, auf dem früher der Tôkaidô, also die alte Handelsstraße zwischen Edo (dem heutigen Tôkyô) und Kyôto / Ôsaka, verlief. Hier gibt es im Prinzip nicht so arg viel besonderes, aber die Häuser haben noch heute einen nostalgischen Charme und kleine Geschäfte und Restaurants säumen den Weg um den Bahnhof Yamashina herum. Außerdem kann man, wenn man schon am Bahnhof ist, auch einen Abstecher zum Mister Donuts dort machen. Ein weiteres Kuriosum: die berühmte Yamashina-Aubergine. 2008 beschloss die lokale Vereinigung der Geschäfte rund um den alten Tôkaidô am Bahnhof Yamashina die Neuvermarktung der lokalen Gemüse-Spezialität mit einem Maskottchen (ein sogenannter Yurukyara ゆるキャラ). Es ist, wenig überraschend: eine Aubergine. Mit Augen. Je nach Jahreszeit hängt teilweise alles mit diesen kuriosen lila Glubschern voll und wenn man nicht weiß, worum es geht, ist es ziemlich verwirrend. Die Story geht wie folgt: die Yamashina-Nasu wurde in der Meiji-Zeit (bis 1868 – 1912) immer beliebter und Anfang der Shôwa-Zeit (1926 – 1989) waren 60-70% aller Auberginen in Kyôto von jener Art. Da sie aber eine dünne Schale hat und mit anderen Auberginenarten nicht ganz mithalten konnte, ist sie nach dem 2. Weltkrieg nahezu verschwunden. Bis man in den 2000ern beschloss, dass Diversität auf dem Speiseplan für die Menschen und vor allem die Marketingbüros eine super Sache sind. Nicht überraschend gehört die Yamashina-Nasu deshalb auch zu den offiziell designierten traditionellen Kyôto-Gemüsen und erfreut sich in letzter Zeit wieder wachsender Beliebtheit. Der Auberginen-Charakter heißt übrigens Motenasu-kun. Eine Wortschöpfung aus おもてなし omotenashi (Gastfreundschaft) und 茄子 nasu (Aubergine). Da ich das einzige Foto, dass ich im Laufe des Jahres von ihm gemacht habe, nicht mehr finde, gibt es wieder Instagram-Spaß:

Mit dem Rad nach Fushimi und Uji

Das Talbecken in dem Yamashina liegt, öffnet sich nach Süden hin, weshalb man ohne große Anstrengungen durch den südlichen Stadtteil Fushimi bis zur Nachbarstadt Uji (宇治市) fahren kann. Uji ist berühmt für Tee, einen alten Schrein und das Byôdô-in (平等院), die Phönix-Halle die auch auf dem 5 Yen-Stück zu sehen ist. Wie so oft ist aber der Weg das Ziel. Durch Yamashina fließen einige Flüsse, die durch ausgiebige Betonierarbeiten leider eher wie Kanäle wirken. Trotzdem lässt sich an Ihnen entlang, allen voran sei hier der Yamashina-gawa (山科川) genannt, eine angenehme Radltour verbringen. Wer will kann auf halbem Wege nach Uji das Büro von Kyôto Animations anschauen und im Shop in der Nähe der Station Kohata (木幡) einkaufen. Vor allem der Abschnitt südlich von Yamashina, wo der Yamashina-gawa in den Uji-gawa (宇治川) fließt, bietet ein spannendes Ambiente zwischen urbanem Raum und Landwirtschaft.

Yamashina-gawa (rechts) und ein namenloser Kanal.

Yamashina-gawa und Meishin-Autobahn inklusive Lärmschutz. Hat etwas von F-Zero.

Irgendwo am Yamashina-gawa.

Auf Richtung Uji!

Warum man Yamashina einfach lieben muss

Einfache Antwort auf eine schwere Frage: Weil es halt so ist! Yamashina ist ein wunderbarer Ort zum leben und ich habe dort insgesamt 12 Monate in einem Wohnheim der Universität Kyôto verbracht. Tatsächlich sind die großen Sehenswürdigkeiten wenige und sie können auch nicht wirklich mit den anderen Orten Kyôtos mithalten. Es hat schon durchaus einen Grund, wieso niemand Yamashina kennt und wieso Reiseführer so tun, als gäbe es diesen Teil der Stadt nicht. Aber wer mal abseits vom touristischen Trubel ein wenig sehen möchte, wie die Leute in Kyôto leben, der wird hier fündig. Yamashina ist das schwarze Loch im glitzernden Tourismus-Boom Japans, und wer ein wenig länger gräbt, wird hier sicher auch sein eigenes Highlight finden. Ich lade jeden dazu ein, sich auf die Suche zu machen und seine Erfahrungen hier zu teilen.

Bonus: Yamashina im Sommer.

Bonus: Yamashina im Winter.

 

Bonus: Reisfeld in Yamashina.

(Whisi)

 

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