[Blog-Reihe] Fahrrad fahren in Japan

Seit meinem Japanaufenthalt in den Jahren 2011/12 bin ich ein Freund von Fahrrädern. Wenn man sich erst einmal mit den augenfälligen Nachteilen einer muskelkraftbetriebenen und nicht überdachten Fortbewegungsform abgefunden hat, merkt man schnell, dass man im urbanen Raum mit dem Rad oft schneller an sein Ziel kommt als man denkt. Meine Transformation zum regelmäßigen Radler geschah dabei ausgerechnet in einer Stadt, in der zwar unglaublich viele Menschen in die Pedale treten, die aber weder über eine ansprechende Infrastruktur noch Bewohner mit einem besonders ausgeprägtem Bewusstsein für Radverkehr verfügt: Kyôto.

Der Grund warum ich auf das Mamachari genannte Stadtrad mit Körbchen und ohne Gangschaltung umgestiegen bin, war deshalb auch so banal wie zugkräftig: der Geldbeutel. Entgegen der populären Wahrnehmung des präzisen und komfortablen öffentlichen Nahverkehrs in Japan ist es in Kyôto nämlich nicht nur zeitaufwändig sondern im Zweifelsfall auch noch extrem teuer an ein Ziel zu kommen das abseits der Hauptverkehrsadern liegt.

Die Alternative zum öffentlichen Nahverkehr: das Fahrrad!

In meinem Fall hätte ich für meinen Weg zur Universität zunächst mit der U-Bahn fahren müssen (210 Yen) um dann in einen Bus umzusteigen (230 Yen). Für Hin- und Rückfahrt macht das also 880 Yen pro Tag um zur Uni zu kommen und zum damaligen Wechselkurs von weniger als 100 Yen pro Euro waren das 9 Euro. Pro Tag. Also fast 200 Euro im Monat. Zwar gibt es Monatskarten für festgelegte Abschnitt

e, sowohl bei Bahn wie auch bei Busunternehmen, aber diese gelten nicht wie in Deutschland in Tarifzonen oder Ringen sondern zwischen zwei festgelegten Haltestellen.

Mal eben in die Stadt fahren ist mit diesen Tickets also auch nicht drin. Rabatte für Schüler oder Studenten waren für ausländische Studenten nicht zu bekommen. Verkehrsverbünde findet man ohnehin kaum, wechselt man also die Linie, wird ein neues Ticket fällig. Lange Rede, kurzer Sinn: schon in der ersten Woche meines Auslandsjahres habe ich mir eine neue Stadtmöhre für 12.000 Yen zugelegt, was in etwa den Pendelkosten von 3 Wochen entsprach.

Nach einigen Monaten Schweiß und Gewichtsabnahme (um zur Uni zu kommen, musste ich jedes Mal die Higashiyama-Berge überqueren), habe ich das Rad dann liebgewonnen.

Es war robust, flexibel und brachte mich überall im Stadtgebiet hin. Nach einigen weiteren Monaten wurde die Liebe so extrem, das ich bis zu 200-Kilometer-Touren unternahm und so auch Seiten von Kyôto kennenlernte, die für gewöhnlich verborgen bleiben. Das Wetter in Kyôto lädt zudem für gewöhnlich ein, das ganze Jahr über zu radeln. Nur an wenigen Tagen gibt es Schnee. Auf Grund der positiven Erfahrungen (und einem weinenden Auge als ich mein Rad verkaufen musste) habe ich nach der Rückkehr nach Deutschland gleich wieder ein Rad gekauft und fahre seit dem so gut wie jede Strecke innerhalb der Stadt damit. Man kann also sagen: wir haben das Rad in Japan für uns wiederentdeckt.

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Unsere Räder in München

Japan – Radeln in der Hölle

Seit damals habe ich Interesse an der Förderung des Radverkehres und verschiedene Umgangsmöglichkeiten mit Infrastruktur und Bewusstseinsbildung. Japan ist hierbei ein besonders paradoxes Beispiel: jeder fährt Rad, aber es gibt im Rahmen der Stadtgestaltung nahezu keine sinnvollen Lösungsansätze dazu und wenn einmal ein Radweg entsteht wird er von Fußgängern schneller ad absurdum geführt als die Farbe der Radsymbole auf dem Boden trocknet.

Im Allgemeinen fährt man auf dem Fußweg, schlängelt sich mal hier, mal dort hindurch und hofft niemanden umzunieten. Das ist langsam, gefährlich und nervenaufreibend. Hinzu kommen festgelegte und teils nur seltene Parkmöglichkeiten die schnell mal teurer werden können als ein Nahverkehrsticket. Nein, das urbane Japan ist nicht unbedingt ein Genuss für Radfahrer. Wie stressig die Situation ist, wurde mir erst dieses Jahr bewusst.

Nach 4 Jahren Rad fahren in München haben wir Räder bei unserem Hostel mitten in Kyôto ausgeliehen. In einer Gegend, in der ich meine täglichen Schleichwege (nördlich vom Schloss Nijô), nicht kannte, war das Fahren an den Hauptstraßen einfach nur nervig. Und gefährlich, denn man fällt schnell in eine Routine beim Radeln und fährt so, wie „zu Hause“. Das funktioniert aber nicht in einem Land, auf denen die Radfahrer Straßen meiden und Handzeichen die Umgebung im besten Fall belustigen, im schlechtesten Fall endlos verwirren. Fährt man in Kyôto wie man das in München tun würde, lebt man nicht nur gefährlich, man ist auch viel langsamer. Die Regeln sind einfach andere und man tut gut daran, sich das vor jedem Fahrtantritt noch einmal zu vergegenwärtigen.

Mit diesen Beitrag starten wir eine Blogreihe zum Fahrradfahren in Japan. Wir werden euch ein paar schöne Fahrradtouren vorstellen, wo und wie man in Japan als Tourist Fahrräder ausleihen kann und natürlich auch ein bisschen darüber, wie es sich in Japan so radelt.

Alle Blogbeiträge zur Blog-Reihe „Fahrradfahren in Japan“:

Auch erreichbar unter dem Tag „Radfahren in Japan„.

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