Okinawa – Abenteuer im fernen Inselparadies

Das Schnellboot durchschneidet das kristallklare, türkisblaue Wasser. Smaragdfarbenes Meer nennen sie es hier. Unsere Mitreisenden tragen Tauchausrüstung und Sonnenhüte zusammen und machen sich nach der kurzen Überfahrt auf den Weg zur Bootsrampe. Die meisten sind wohl zum Schnorcheln oder Tauchen hier, die Fischvielfalt ist erstaunlich und lebendige Korallen findet man auch noch. Draußen scheint die Sonne und in der Ferne wiegen ein paar Palmen im Wind, während das Meer beruhigend vor sich hinrauscht. Am Boot beginnen die Angestellten bereits, Kisten und Säcke mit Haushaltsgegenständen und Melonen von Bord zu bringen. Auch die Post wird entladen. Auf der anderen Seite des Auslegers legt gerade ein weiteres Boot ab: es fährt zurück zur Knoteninsel der Region, von wo aus man per Flugzeug weiterreisen kann. Unzählige bunte Stoffstreifen flattern im Wind und führen bei einem Mädchen zusammen. Sie stammelt etwas, aber wir verstehen nicht viel, so verheult ist sie.  In der Ferne erhaschen wir den Blick auf Steinmauern und Wasserbüffel traben vorbei. Auch Musik ist zu hören, ein bisschen schräg gesungen, wie wir finden.

Okinawa_Kabira

Die Kabira-Bucht auf Ishigaki-jima fehlt in keinem Reiseprospekt. Und völlig zu Recht.

Okinawa – ein ganz anderes Japan

Nein, Okinawa ist nicht das Japan was sich die meisten vorstellen. Es gibt hier keine Geishas, Hochhausschluchten oder volle U-Bahnen. Es gibt eigentlich überhaupt keine Bahnen, wenn man mal von der Monorail auf der Hauptinsel absieht. Was es aber gibt ist die einen immer wieder mit voller Wucht ins Gesicht schlagende Erkenntnis von der Vielfalt dieses Landes, das wir Japan nennen. Die Geschichte der Ryūkyū-Inseln – so hieß dieses unabhängige Königreich bis zur Übernahme durch Japan – ist bewegt. Im 15. Jahrhundert war es ein Handelsposten und wichtiger Knotenpunkt in der gesamten Region für lukrativen Seehandel mit China. Das nach dem 2. Weltkrieg wiederaufgebauten Schloss Shuri lässt diese ehemalige Pracht nur erahnen. 1609 kamen die japanischen Besatzer, zunächst in Gestalt des Shimazu-Clanes aus Satsuma in Südjapan, die dem hiesigen König eine gewisse Autonomie zugestanden. Als 1879 im Zuge der Meiji-Restauration die Prefäkturen Japans geschaffen wurden, ordnete man auch Ryūkyū neu: als Präfektur Okinawa ging das ehemalige Königreich in den sich gerade formierenden Nationalstaat Japan ein.

Okinawa_Schloss

Viel blieb nicht übrig, vom einstigen Sitz der Ryūkyū-Könige. Aber der Neubau ist sehenswert!

Was folgte ist vor allem militärhistorisch gut dokumentiert: in der Schlacht um Okinawa zum Ende des 2. Weltkrieges machte der „Taifun aus Stahl“ alles dem Erdboden gleich, zehntausende Menschenleben gingen auf beiden Seiten verloren. Die USA besetzten Okinawa und – im Gegensatz zu den Hauptinseln – blieben auch eine längere Zeit als Besatzer. Erst 1972, zwanzig Jahre später als der Rest des Landes, wurde Okinawa an Japan zurückgegeben. Bis heute bleibt der Status als „unsinkbarer Flugzeugträger“ erhalten: erhebliche Landflächen sind heute noch militärisches Sperrgebiet unter US-Kontrolle. Dagegen gibt es aus den unterschiedlichsten Gründen regen Widerstand in der Zivilbevölkerung, vor allem um die Basen Futenma, Kadena und die vermeintliche Lösung der Probleme, Henoko.

Okinawa_Monument

Ein Monument das an die Rückgabe Okinawas an Japan erinnert: Wechsel von Rechts- auf Linksverkehr.

Okinawa heute: Spiel, Spaß und Bittergurken

Heute ist Okinawa vor allem dafür bekannt, die ökonomisch und strukturell schwächste Präfektur Japans zu sein. Früher konnte man sich noch damit brüsten, die langlebigsten Einwohner zu haben, aber auch dieser Status ist längst passé und wird nun von den Menschen in Nagano vertreten. Manche munkeln, die Amerikanisierung der Essgewohnheiten spiele eine Rolle bei dieser Entwicklung. Die ökonomischen Faktoren sind in dieser Frage nicht gut erforscht. Bis heute schwebt zudem die Frage im Raum, ob Okinawa sich mit seiner jahrhundertealten Tradition, die sich immer näher an China als an Japan orientierte, kulturell auf einer Linie mit dem Rest des Landes befindet. In Kombination mit den US-Basen führt dies in regelmäßigen Abständen zu Vorwürfen, die Einwohner von Okinawa würden als zweitrangige Bürger behandelt, während sie den Großteil der außenpolitischen Bürde Japans schultern. Das ist die eine Seite. Okinawa gilt aber auch als beliebtes Inlandsreiseziel mit Ferienresorts, Bars und Restaurants, Traumstränden und subtropischer Vegetation. Als Sehnsuchtsort zum Ausspannen, für Urlauber, Aussteiger oder Neuanfänger.

Okinawa_Steg

Bei Okinawa denkt man in Japan zuallererst an Strandurlaub im eigenen Land.

Okinawa_Haus

Überall wird einem gewahr, dass die Präfektur zu den am wenigsten wohlhabenden in Japan zählt. Charme hat es trotzdem irgendwie.

Wo liegt Okinawa eigentlich?

Wichtig für das geographische Verständnis: Okinawa ist nicht eine Insel sondern besteht aus mehreren Inselketten, die sich wie an einer Perlenschnur von Kyūshū im Süden Japans bis vor  die Küste Taiwans ziehen. Im Norden befindet sich die Hauptinsel mit ihrer Großstadt Naha (etwas über 300.000 Einwohner) als urbanes und wirtschaftliches Zentrum der Präfektur. Dort findet man auch die einzigen Universitäten Okinawas und alle sonstige Annehmlichkeiten des urbanen Lebens. Etwa 280 Kilometer südwestlich liegen die Miyako-Inseln mit Miyakojima als Verwaltungszentrum und noch einmal 100 Kilometer weiter die Yaeyama-Inseln mit Ishigaki als Knotenpunkt für allerlei umliegende Inseln. Nur um das einmal in Perspektive zu rücken: Yonaguni, die westlichste Insel der Yaeyama-Inseln, von der aus man bei gutem Wetter bis Taiwan blicken kann, ist knappe 2000 Kilometer Luftlinie von Tōkyō entfernt. Das entspricht in etwa der Entfernung von München nach Antalya. Bis nach Wakkanai, dem nördlichsten Punkt Japans, wären es knapp 2900 Kilometer. Von München aus entspricht das der Entfernung nach Mossul in Syrien.

Okinawa_Steinküste

Higashi Henna-zaki – der östliche Zipfel von Miyako-jima – trumpft mit faszinierenden Küstenlinien.

Okinawa im Detail

Auf unseren Reisen war es uns bisher drei Mal vergönnt, nach Okinawa zu fliegen. Dabei haben wir allerlei gesehen: traumhafte Buchten, kuriose nachgebaute Schlösser, Sternensand, Mangrovenwälder und Wasserfälle, aber auch Mono-Rails und eine Straße, die nach einem deutschen Bundeskanzler benannt ist. Viele dieser Geschichten sind es wert, erzählt zu werden, und die meisten taugen auch als Reiseempfehlung. Dieser Artikel war unsere erste Einführung zu Okinawa, demnächst geht es hier weiter im Detail, geographisch getrennt nach den drei großen Inselketten. Und natürlich sind wir auch geradelt.

Okinawa_Sandbank

Je weiter man in den Süden kommt, desto schöner wird es scheinbar. Auf Taketomi-jima gibt es ewig lange flache Strände mit Sandbänken.

„Aber halt!“, schreit der geneigte Leser. Was war denn jetzt mit dem weinenden Mädchen aus der Einleitung? Wie ihr vielleicht anderswo gelesen habt, leidet Japan unter einer niedrigen Geburtenrate und der damit einhergehenden Überalterung der Bevölkerung und einer zu schrumpfen beginnende Bevölkerung. Ganze Regionen veröden und nur die Alten bleiben zurück. Okinawa ist ein Sonderfall, es ist neben Tōkyō eine der wenigen Präfekturen Japans, die nicht schrumpft. Trotzdem leiden vor allem abgeschiedene Inseln unter den Folgen zunehmender Urbanisierung: Was sich auf den Hauptinseln in Tōkyō im Großen abspielt (manche Beobachter sprechen von Tōkyō als schwarzem Loch, das Mensch und Kapital ansaugt und nicht mehr hergibt), geht auch in Okinawa nicht ohne Spuren vorbei. Menschen ziehen in die Städte, urbane Agglomerationen werden immer größer. Vor allem kleine Inseln leiden unter dem Schwund medizinischer oder Bildungseinrichtungen. So zieht sich die Bevölkerung vor allem in den urbanen  Zentren der Hauptinsel zusammen. Und nicht einmal dort gibt es prestigeträchtige Bildungseinrichtungen, die als Schlüssel zur japanischen Arbeitswelt dienen. Und so ging es auch unserem weinenden Mädchen: ihre Freunde und Verwandten standen am Pier, alle verbunden mit bunten Stoffstreifen. Als das Boot abfuhr, fingen alle an zu Weinen und Winken und hielten die Streifen fest, bis das Boot zu weit entfernt war und die Verbindung verloren ging. Ihre Freunde rannten noch am Ufer entlang und winkten bis das Boot nicht mehr zu sehen war. Für den Besuch einer Oberschule musste sie die Insel verlassen, und weil es eine Gute sein sollte, ging sie nach Tōkyō. 2000 Kilometer entfernt von ihrer Heimatinsel Iriomote und weit weg von Freunden und Familie. Und sie ist damit in guter Gesellschaft all jener, die denken, nur in Tōkyō kann etwas vernünftiges aus dir werden. Wie auch immer es ausgeht: alles Gute für die Zukunft, unbekanntes Mädchen!

Okinawa_Boot

Gute Reise, und viel Glück in Tōkyō, unbekanntes Mädchen!

Kommende Artikel:

  • mit Gerhard Schröder auf Miyako-jima
  • Iriomote-jima und Ishigaki-jima: Mangrovenparty im Urwald
  • Okinawa-Honto: Burger, Folklore und… ja was eigentlich?

Vorab-Bonusbilder:

Okinawa_Sonnenuntergang

Sonnenuntergang am Sunayama-Beach auf Miyako-jima.

Okinawa_Pferd

Pferde auf Kuro-shima.

Okinawa_Naha

Eine der wenigen pittoresken Gässchen in Naha die noch übrig sind.

Okinawa_Kanu

Kanu-Tour durch den Mangrovenwald auf Iriomote-jima.

Okinawa_Jungle

Junglewanderung auf Iriomote-jima.

Okinawa_Essen

Esskultur im Wandel der Zeit. Was genau… essen wir da eigentlich?

Okinawa_Berg

Aussichtsplattform im Banna-Park auf Ishigaki-jima.

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