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Miyako-jima – Inselparadies und Deutsche Kultur

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Es gibt einfache Reisen, die fangen so kurios an, das man eigentlich fragen müsste, ob das alles einen guten Ausgang nehmen kann. Als wir im Frühling 2012 zum ersten Mal nach Okinawa geflogen sind, war unser Anliegen, auch von der Hauptinsel wegzukommen. Wir haben also geschaut, wo kommt man möglichst günstig hin, wo kostet die Unterkunft nahezu nichts und was lohnt sich anzuschauen? Die Insel Miyako hat dabei schnell unsere Aufmerksamkeit erregt, denn im Internet war die Rede von einem deutschen Kulturdorf inklusive Schloss und Schweinsbraten. Also flogen wir nach ein paar Tagen Hauptinsel nach Miyako-jima und haben den Aufenthalt dort nicht bereut. Was die Insel bietet und was das mit Gerhard Schröder zu tun hat, lest ihr in diesem Beitrag.

Das Strandparadies

Erst einmal ganz klipp und klar: Miyako-jima ist ein toller Ort voller fantastischer Natur. Es lohnt sich und wir werden definitiv noch einmal hinfliegen. Auch wenn die Hauptinsel und Naha ihren Charme haben, gegen den Charme einer kleinen Insel kann die etwa 270km entfernte Hauptinsel mit der Großstadt Naha nicht ankommen. Miyako bietet tolle Sandstrände in der näheren Umgebung der größten Stadt Hirara die man auch mit dem Fahrrad gut erreichen kann.

  • Yonahama-Maehama-Strand mit Kurima Ohashi
  • Sunayama-Strand – der schönste Miyakos
Miyako-jima in der Präfektur Okinawa

Die Radfahrinsel

Ok, ehrlich gesagt, für uns sind alle Inseln Radfahrerinseln. Miyako bietet sich allerdings besonders an, denn sie ist groß genug um etwas zu erleben, flach genug um auch Einsteiger einzuladen und das Bussystem ist, nun, vorhanden. Wer des Japanischen nicht mächtig ist wird jedoch große Probleme mit den Fahrplänen haben und diese sind ohnehin nicht sehr großzügig. Eigentlich ist Miyako deshalb auch eine Autofahrerinsel. Wer zum Flughafen will lässt sich vom Hotel abholen oder nimmt das Taxi. Wer Ausflüge plant mietet ein Auto. Aber man muss ja nicht alles mitmachen. Es gibt vor allem an der Südküste ein paar hügelige Straßen, aber im Großen und Ganzen ist radfahren auf Miyako sehr angenehm und sicher. Oft gibt es gut ausgebaute Fußgängerwege und der Verkehr ist ohnehin nicht übermäßig stark.

  • Leihfahrad „Mamachari Blue“
  • Mehr Berg ist nicht
  • Am Sunayama-Strand

Während meiner Woche auf Miyako habe ich die Insel komplett umrundet und kann neben dem Ausflug zum deutschen Kulturdorf auch das Kap Henna mit seinen imposanten Steinformationen, die beiden Brücken welche die Inseln Kurima und Ikema mit Miyako verbinden, sowie das Unterwasseraquarium, das eigentlich eher ein Fenster ins Meer ist, mit Nachdruck empfehlen. Kein Ort der Insel ist weiter als 25km entfernt und wirklich verfahren kann man sich auf Miyako auch nicht, da man immer an der Küsten entlangfahren kann.

Kap Higashi-Henna

Kap Higashi-Henna (higashi henna-zaki 東平安名崎)
Eintritt: kostenlos
Website: http://bunka.nii.ac.jp(nur Japanisch) 
Anfahrt: Bus Nr. 1 (Yoshino, 5km Fußweg bis zur Kapspitze) / Taxi / Fahrrad (ca. 25km von Hirara)

Von Hirara am weitesten entfernt ist das östliche Kap Higashi-Henna (higashi henna-zaki). Etwa 25km muss man durch das Inselinnere fahren, an der Küste entlang etwas weiter. Belohnt wird man mit einem fantastischen Ausblick auf die Korallenriffe die Miyako umgeben und einigen spannenden Steinformationen. Seit 1980 ist das Kap ein Naturdenkmal der Präfektur Okinawa. Ein Leuchtturm markiert den östlichsten Punkt Miyako-jimas am Ende einer dünnen, schlauchförmigen Landzunge.


  • Auf dem Weg durchs Inselinnere

  • Der Leuchtturm markiert den östlichsten Zipfel

  • Steinformationen vor der Küste

  • Korallenriffe in der Ferne

Unterwasserpark

Miyako-jima Unterwasserpark (miyako-jimakaichû kôen 宮古島海中公園 )
Eintritt: 1000 Yen
Website: http://miyakojima-kaichukoen.com (nur Japanisch) 
Anfahrt: Bus Nr. 6 (Shimajiri-Iriguchi, ca. 2km Fußweg) / Taxi / Fahrrad (ca. 10km von Hirara)

Auch wenn man auf Englisch oft von Aquarium liest – der kaichû kôen 宮古島海中公園 ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Fenster ins Meer. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Der umgebende Park lädt zum Spazierengehen ein und der Einblick in das Meer vor Miyako-jima ist allemal lohnenswert.

  • Der Park über dem Meer…
  • … und unter dem Wasser.

Brücken

Brücken? Wie Brücken? Ich gebe zu, seit wir auf dem Shimanami Radweg unterwegs waren, habe ich ein gewisses Faible dafür entwickelt. Miyako-jima hat drei große Brücken die man als Ausflugsziel für Radtouren wählen kann. Irabu-Ôhashi ist die Neueste davon und recht imposant, Kurima-Ôhashi ist ebenfalls eindrucksvoll. Die Ikema- Ôhashi ist die Kleinste, aber umgeben von toller Natur. Zu keiner der Brücken lohnt es sich zu fahren, wenn man nicht zu den dortigen Stränden oder Sehenswürdigkeiten unterwegs ist, aber als Wendepunkt einer Radtour sind sie wunderbar geeignet. Nichts fühlt sich besser an, als im warmen Wind über azurblaue Wellen zu blicken. Der grimmig dreinblickende Herr ist übrigens Mamoru-kun und er hat die Aufgabe, für Sicherheit im Straßenverkehr zu sorgen.

  • Irabu-Ôhashi
  • Kurima-Ôhashi
  • Ikema-Bashi
  • Mamoru-kun. Passt auf.

Deutsches Kulturdorf Ueno

Das Deutsche Kulturdorf Ueno auf Miyako-jima

Deutsches Kulturdorf Ueno (ueno doitsu bunka-mura うえのドイツ文化村)
Eintritt: Marksburg 750 Yen / Kinderhaus 210 Yen / Kombiticket 850 Yen
Website: http://www.hakuaiueno.com (nur Japanisch)
Anfahrt: Bus Nr. 5 / Taxi / Fahrrad (ca. 10km von Hirara)

Die Geschichte um das Kulturdorf Ueno ist, wie so viele in Japan, eine von Wirtschaftsaufschwung und langjähriger Rezession. Als die Bauarbeiten 1987 begannen, sprossen Vergnügungsparks in Japan wie Pilze aus dem Boden. Ob das „Märchenland“ bei Obihiro oder Großprojekte wie das an Amsterdam erinnernde Huis Ten Bosch, die sich bis heute halten können: man baute sich einfach nach, was man gut fand. Zur Eröffnung der Burg 1996 befand sich Japan bereits seit einigen Jahren in der Rezession und die Parks schlossen einer nach dem anderen wieder. Das Kulturdorf auf Miyako-jima hatte lange Jahre sogar einen Koordinator für internationale Beziehungen im Rahmen des JET-Programms vor Ort und konnte sich bis heute halten. Vielleicht hat das auch mit der Geschichte dahinter zu tun.

Die Havarie der Robertson

Es begab sich im Jahre 1873, das ein friesisches Handelsschiff, die Robertson, während eines Taifuns in der Nähe des Weilers Miyaguni vor der Insel Miyako auf Grund lief und die Seeleute in unmittelbare Lebensgefahr brachte. Die Bewohner des Weilers brachten sich ihrerseits in Lebensgefahr und retteten die Besatzung des Schiffes und päppelten sie auf. Die Seeleute kehrten wohlbehalten nach Hause zurück und der deutsche Kaiser Wilhelm I. war davon so beeindruckt, dass er das Kriegsschiff „Zyklop“ entsandte und einen Gedenkstein in den Hafen von Hirara bringen ließ, der 1876 aufgestellt wurde.

  • Der Gedenkstein Kaiser Wilhelms in Hirara
  • Eine Erklärungstafel zum Stein

Die Marksburg mit Ausstellung

Die Geschichte der „Gedenkstätte für Menschenliebe“ ist ein Lehrstück für die Stimmung im Japan der 1990er Jahre. Damals, kurz vor dem Platzen der Bubble die in nunmehr zwei „verlorene Jahrzehnte“ mündeten, als Japan sich anschickte die wirtschaftliche Nummer 1 zu werden, floss das Geld in Strömen. Und völlig egal wie abgeschieden Miyako-jima ist, man wollte dort einen Themenpark eröffnen und weil das Geld eben da war, wurde nicht über eine Betonburg diskutiert sondern ernsthaft in Erwägung gezogen, die Marksburg am Mittelrhein Stein für Stein abzubauen und nach Okinawa zu verschiffen. Die damaligen Eigentümer der Burg ließen sich dafür jedoch nicht begeistern und so kommt es, das ein 1:1 Replika gebaut wurde. Das ist immer noch beeindruckend.

  • Die Marksburg auf Okinawa
  • Modell der Burg am Meer

Die Ausstellung in der Burg widmet sich hauptsächlich der Rettung der deutschen Seefahrer. Es gibt auch einen Bereich über die „Lebensweise der Deutschen“ der wenig überraschend mit Bier und Wurst gefüllt ist.

  • Wie leben diese Deutschen?
  • Aha. Von Bier und Wurst.

Kinderhaus und Mauerstücke

Das neben dem Schloss gelegene „Kinderhaus“ ist eine weitere kleine Ausstellung, die sich vor allem mit deutschen Kinderspielzeugen befasst, aber aus irgendeinem Grund auch die deutsche Teilung und Wiedervereinigung thematisiert. Sogar zwei Originalstücke der Berliner Mauer haben es bis nach Miyako-jima geschafft.

Das große Herrenhaus war früher mal ein Hotel, aber schon bei unserem ersten Besuch 2012 nur noch eine leerstehende Hülle. Bei einem Taifun 2003 wurde das Gebäude in Mitleidenschaft gezogen und bis heute nicht wiedereröffnet. Die Architektur ist angeblich angelehnt an das Deutschordensschloss auf der Insel Meinau im Bodensee, aber so wirklich überzeugt sind wir da nicht. Visuell überragt das Haus sogar die Marksburg und vor dem tollen Meer sieht das auf Fotos auch beeindruckend aus. Gäste hat dieses Etablissement aber schon seit vielen Jahren nicht mehr gesehen und es gibt keine Anzeichen, dass sich das ändern könnte.

  • Originalsegmente der Berliner Mauer
  • Das „Kinderhaus“
  • „Flucht nach Westen“
  • Das Herrenhaus, vormals ein Hotel.
  • Pseudo-Fachwerkhäuser und ein Türmchen

Manga-Umsetzung

Die Geschichte vom Untergang der Robertson und der Rettung der Besatzungsmitglieder durch die Dorfbewohner vor Ort hat nicht nur einen Themenpark hervorgebracht, den deutschen Kaiser beeindruckt und Gerhard Schröder nach Miyako gelockt – sie wurde auch von Kenshin Shinzato als Manga unter dem Namen „Kagaribi – die Geschichte von der Rettung der Robertson“ umgesetzt. Leider geht es weniger um das Zusammentreffen zweier Kulturen sondern fast ausschließlich um den Kampf auf See und mit 1500 Yen ist der Band auch nicht ganz günstig. Aber auch hier gilt: als Zeugnis der Deutsch-Japanischen Freundschaft ist er ein Kleinod in der Sammlung.

© 1996 Okinawa-ken Ueno-mura
  • Mutter, was ist das für ein Stein?
  • Rettung erfolgreich!

Lohnt sich der Besuch?

Zugegeben, wir waren im März zur Nebensaison auf Miyako-jima. Es hatte trotzdem sommerliche Badetemperaturen, aber auf der Insel war nicht viel los. Insbesondere im deutschen Kulturdorf waren wir bei zwei Besuchen die einzigen zahlenden Kunden die wir weit und breit sehen konnten. Alles wirkt heruntergekommen, das Schloss selber hat mittlerweile eine notwendige Fassadenrenovierung bekommen. Einige Bereiche des Parks waren nicht mehr geöffnet, im Restaurant „Bierfass“ gibt es mittlerweile schon lange keine Schweinsbraten mehr, sondern nur noch teure Wagyu-Steaks. Alles in allem zeigt das Kulturdorf genau dieselben Verfallserscheinungen wie alle Ende der 90er hastig errichteten Vergnügungsparks und ich würde niemals nur dafür nach Miyako kommen.

Mehr Schein als Sein. Hier gibt’s nichts weiter zu sehen.

Dennoch: die zwei Angestellten die wir (stilecht im Dirndl) sehen konnten waren sichtlich bemüht und mit den Mauerstücken und dem Einblick, was sich Japaner unter deutscher Kultur vorstellen, ist der Besuch für uns extrem spannend gewesen. Sobald wir Miyako-jima noch einmal besuchen, werden wir auf jeden Fall auf das Kulturdorf wieder mitnehmen, um zu sehen, wie sich die Dinge dort verändert haben. Wenn ihr also wenig Zeit habt, dann spart euch den Spaß. Habt ihr aber Interesse an Deutsch-Japanischer Geschichte und könnt ein wenig augenzwinkernd an die Sache herangehen könnt, dann schaut vorbei!

Enter Gerhard Schröder

Was hat unser Ex-Kanzler nun mit der Insel zu schaffen? Im Jahre 2000 fand auf Okinawa der 28. G8-Gipfel statt. Anlässlich des Besuches in der Präfektur machte Gerhard Schröder auch einen Abstecher nach Miyako. Um den Besuch würdig zu gestalten räumten Schulklassen Müll von den Straßen und alles wurde auf Hochglanz poliert. Seitdem heißt die Straße zwischen dem deutschen Kulturdorf und dem Flughafen auch stilecht „Gerhard-Schröder-Straße“.

  • Gerhard-Schröder-Straße!
  • Auf dem richtigen Weg…
  • … ansonsten dominiert Zuckerrohr.

Im Kulturdorf selber gibt es ebenfalls viel von unserem Ex-Kanzler zu sehen: wenn Schröder kommt, dann tanzen die Frauen und die Kinder flocken in Scharen herbei. Auch ein Brief an die Menschen von Miyako-jima und der Füller, mit dem er geschrieben wurde, sind ausgestellt. Man kann das natürlich trollig finden und sich darüber lustig machen, aber man sollte ebenfalls nicht vergessen dass hier eine über 100 Jahre alte Freundschaft gepflegt wird, die mit Kaiser Wilhelm I. begonnen hatte.

  • Der Kanzler kommt!
  • Schröders Brief. Schröders Füller. Etc.

Und so endet unsere kurze Vorstellung von Miyako-jima. Wir hoffen, der Ausflug in dieses Kapitel der Deutsch-Japanischen Geschichte hat euch gefallen und ihr kommt nun auch in die Versuchung, die Insel selber zu besuchen.

Falls ihr noch mehr Lust auf Okinawa habt, könnt ihr auch unsere anderen Artikel in der Serie lesen:

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