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[Nara] Hirsche und das Touristen-Problem

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In letzter Zeit häufen sich negative Berichte aus Japans alter Hauptstadt Nara: es kommt immer häufiger zu Problemen zwischen den frei herumlaufenden Sika-Hirschen und den Touristen. In diesem Artikel möchten wir euch ein paar Hintergründe erzählen und Hinweise geben, wie ihr Probleme vermeiden und als Vorbild für andere Touristen vorangehen könnt.

Die Stadt Nara: Was machen hier eigentlich die Hirsche?

Nara ist bequem sowohl aus Kyoto und Osaka erreichbar und wegen den alten und recht beeindruckenden Tempel- und Schreinanlagen äußerst sehenswert. In Nara könnt ihr z.B. den Todai-ji sehen – eine beeindruckende buddhistische Tempelanlage in deren Haupthalle die größte Buddha-Bronzestatue der Welt sitzt. Die Haupthalle gilt auch als das größte aus Holz erbaute Gebäude der Welt.

  • Nara Todaiji größtes Holzgebäude der Welt
  • Nara Todaiji Daibutsu

Noch beliebter allerdings ist Nara wegen den fast 1.360 Sika-Hirschen, die im Nara Park leben und frei durch die Stadt ziehen können. Hirsche sind eigentlich schreckhafte Tiere, aber in Nara sind sie ein bisschen forscher. Sie laufen nicht weg, sondern suchen bewusst die Nähe der Menschen. Mensch heißt nämlich Futter. Seit Jahren werden in Nara für 150 Yen (ca. 1,20 Euro) an Touristen kleine Pakete mit Reiskeksen („Shika Senbei“) verkauft, die an die Rehe verfüttert werden können. Doch was machen die Rehe überhaupt in der Stadt und lassen sich füttern?

Es gibt die Legende, dass die Gottheit Takemikazuchi-no-Mikoto zum Kasuga Schrein geladen wurde und im Jahre 768 auf einem weißen Hirsch reitend nach Nara reiste und sich dort niederließ. Der Kasuga Schrein und der Kofuku Tempel brachten in Nara immer wieder die Rehe in Verbindung mit Göttern, bezeichneten sie sogar als Boten ebendieser. In religiösen Schriften und Gemälden tauchten die Tiere über die Jahrhunderte immer wieder auf, wie hier bei den Kasuga Mandala. Die Geschichte Naras ist über die Jahrhunderte eng mit den Hirschen verbunden und diese gehören zur Stadt. Der Schutz der Tiere wird groß geschrieben, zeitweise wurde sogar die Todesstraße verhängt, wenn jemand einen Hirsch tötete.

Im zweiten Weltkrieg verringerte sich der Bestand der Hirsche dramatisch durch Wilderei, weil es den Menschen an Nahrung mangelte. 1946 wurden die „Göttlichen Hirsche von Kasuga“, wie sie vorher genannt wurden, umbenannt in „Hirsche von Nara“ und Bestimmungen zu ihrem Schutz wurden wieder aufgenommen. Im Jahr 1957 wurden die Hirsche als nationales Kulturgut ausgezeichnet. Nara selbst gehört als Stadt zum UNESCO Weltkulturerbe.

Probleme mit den Hirschen: Mehr Touristen, mehr Verletzte

Ihr seht also, die Stadt Nara ist als Ausflugsort ziemlich attraktiv und deswegen kommen auch immer mehr Touristen in die Stadt. Die Hirsche waren schon immer ein bisschen forscher, wenn sie Futter haben wollten, aber in den letzten Jahren häuften sich Nachrichten, dass mehr Touristen verletzt werden. Trotz der geringen Körpergröße der männlichen Sika-Hirsche mit einer Schulterhöhe von 64 bis 100 cm, können sie für den Menschen gefährlich werden. Sie tragen im Sommer Geweih – sofern sie diesen nicht in der traditionellen Geweih Zeremonie abgeschnitten bekommen. Übliche Probleme mit den Hirschen sind folgende: sie verfolgen die Menschen, stupsen mit ihrem Kopf und dem Geweih und, wenn sie ganz ungehalten sind, beißen sie auch einmal zu.

Warnschild in Nara: Probleme mit Hirschen gab es schon immer
Dieses mehrsprachige Warnschild im Umgang mit den Hirschen war schon bei unserem ersten Besuch in Nara aufgestellt.

Erschreckende Bilanz: 2018 gab es 200 Verletzte durch Hirsche

In den letzten fünf Jahren haben sich die Fälle von leichten Verletzungen vervierfacht. Im Fiskaljahr 2018 wurden 200 Verletzungen gemeldet. Acht Personen wurden schwerer verletzt, z.B. mit Knochenbrüchen. Zum Vergleich: Zwischen 2013 bis 2017 wurden innerhalb von vier Jahren insgesamt nur zehn Personen schwerer verletzt. Der Anstieg im letzten Jahr ist also durchaus bemerkenswert.

Aber auch Touristen kommen immer mehr nach Nara: 2017 besuchten 16,3 Millionen Touristen die alte Hauptstadt. Durch die gute Erreichbarkeit von Kyoto und Osaka profitiert auch Nara durch viele Tagesbesucher. Die größte Gruppe an Touristen kommt aus China, danach folgen Malaysia, Amerika, Australien, Frankreich und Spanien.

Unter den Verletzten sind 80 % Touristen, weshalb man davon ausgehen kann, dass hier ein ziemlich großes „Verständigungsproblem“ zwischen Hirschen und menschlichen Besuchern herrscht. Ich fürchte, es spielt auch eine Rolle, dass viele im Urlaub ihr gutes Benehmen vergessen. Wahrscheinlich wollen immer mehr Menschen auch das perfekte Selfie oder Video für ihre Social Media Channels. Sie vergessen, dass sie es mit lebenden Tieren zu tun haben, und werden unvorsichtig. Die Stadt Nara hat angefangen, verstärkt über den richtigen Umgang mit den Hirschen zu informieren. Ein Beispiel davon könnt ihr hier bei der Japantimes sehen.
Weitere Probleme mit den Hirschen sind häufige Verkehrsunfälle, aber lokale Bauern beschweren sich auch darüber, dass ihre Ernte beschädigt wird.

Miyajima bei Hiroshima: Füttern der Hirsche wurde 2008 verboten

Auf der Insel Miyajima in der Präfektur Hiroshima wurde das Füttern der Hirsche seit 2008 verboten. Auf der bekannten Schreininsel leben auch viele Hirsche. Sie wurden aus ähnlichen Gründen wie in Nara verehrt und die Menschen fütterten sie. Dadurch kamen die Hirsche aus den umliegenden Wäldern in die Siedlung und die Population stieg – auch, weil es keine natürlichen Feinde auf der Insel gibt. Bald schon wurde es aber unangenehm, weil die Hirsche immer aufdringlich wurden und auch Touristen verletzten. Auch Verkersunfälle mit Hirschen waren nicht selten.

Die Lösung? Die Verwaltung hat bestimmt, dass die Hirsche nicht mehr gefüttert werden dürfen. Die Hoffnung war, dass sich durch diese Maßnahme die Unfälle und auch die Population der Hirsche zurückgehen. Problematisch war aber, dass die Hirsche nie gelernt haben, sich selbst zu versorgen. Auch können die umliegenden Wälder nicht genug Nahrung für die Herde liefern. Immer wieder beobachteten Einwohner, wie die Hirsche den Besuchern Karten, Flyer und Papierbecher aus den Händen rissen und im Müll nach Nahrung suchten, weil sie hungrig sind. Tierschutzorganisationen haben dieses Vorgehen kritisiert, denn im Grunde hat die Verwaltung das langsame Aushungern der Population beschlossen. Heute informieren Schilder, Flyer und auch regelmäßige Durchsagen darüber, dass die Hirsche auf Miyajima nicht gefüttert werden dürfen.

Miyajima Hirsche Probleme
Sika Hirsch auf Miyajima: Hier ist das Füttern der Tiere verboten!

Mehrere tote Hirsche mit Plastik im Bauch

In den letzten Monaten kam noch ein weiteres Problem in Nara hinzu: Die Hirsche fressen wohl mehr als nur die angebotenen Reiskekse. Die „Nara Deer Welfare Association“ meldete, dass einige Hirsche Plastik gefressen und daran gestorben sind. In internationalen Medien ist das Thema im März 2019 aufgekommen, als eine Hirschkuh am Todai-ji gefunden wurde, die krank aussah und sich weigerte zu fressen. Das Tier war bereits 17 Jahre alt und starb am nächsten Tag. Bei der Obduktion wurde ein verhärteter Klumpen aus Einmalplastik-Tüten gefunden, der 3,2 kg wog!

Hirsche sind wie Kühe oder Schafe Wiederkäuer und die aufgenommene Nahrung durchläuft verschiedene Magenkammern. Durch die fast vollständige Blockade des Magentraktes konnte die Hirschkuh die Nahrung nicht verarbeiten, keine Nährstoffe aufnehmen und verhungerte qualvoll. In den vergangenen drei Monaten wurden bei weiteren acht Hirschen mit unbekannten Todesursachen eine Obduktion durchgeführt, bei sechs fand man wiederholt große Plastikmengen im Magen.

So vermeidest du Unfälle mit Hirschen und Nara

Wir sind uns sicher, dass die meisten Touristen den Hirschen Nara nichts Böses wollen und durch die manchmal recht aufdringlichen Hirsche schnell überfordert sind. Daher hier ein paar Tipps, wie DU es besser machen kannst.

1. Nicht vergessen: Naras Hirsche sind wilde Tiere

Auch wenn sie manchmal noch so zahm erscheinen: es sind und bleiben wilde Tiere. Also seid immer aufmerksam, was alle Tiere in eurer Umgebung so machen. Kinder sollten auch immer nur im Begleitung ihrer Eltern zu den Hirschen gehen.

Shika Senbei Nara Hirsche
Shika Senbei: Diese Reiscracker können Touristen für 150 Yen in Nara an verschiedenen Stellen im Nara Park kaufen, um die Hirsche damit zu füttern.

2. Füttert den Hirschen NUR die Shika-Senbei

Diese Reiskekse sind optimal auf die Ernährung der Hirsche in Nara abgestimmt. Für nur 150 Yen erhaltet ihr ein Paket mit 10 Senbei. Oft beobachten euch beim Kauf die Hirsche bereits und kommen danach direkt auf euch zu. Füttert die Hirsche nicht mit Eis, nicht mit Süßkartoffeln oder allem anderen was wir Menschen essen.

3. Nicht ärgern

Immer wieder konnte ich Touristen beobachten, die den Hirschen erst Futter zeigen, dann wieder wegziehen, wieder hinhalten und so weiter. Kein Wunder, dass die Hirsche da irgendwann keinen Bock mehr haben und rempeln und beißen. Also seid nett und gebt dem Tier das, was ihr ihm vor die Nase haltet. Es gab wohl auch Fälle, in denen Touristen versucht haben, auf den Hirschen zu reiten (!) – lasst es einfach!

4. Senbei leer? Zeigt dem Hirsch eure leeren Handflächen!

Die Hirsche sind nicht dumm und verstehen erstaunlich gut hochgehobene leere Handflächen. Daran erkennen sie: Hier gibt’s nichts mehr und ziehen weiter.

5. Nehmt nur geschlossene Handtaschen und Rucksäcke und verstaut alle Plastiktüten gut in darin!

Im Streichelzoo in Münchner Tierpark konnten wir einmal eine Oma beobachten, die ihren offenen Rucksack hingestellt hat und natürlich steckte innerhalb von Minuten der Kopf einer Ziege darin, die das Pausenbrot samt Plastiktüte herausgezogen hat. Ähnliche Situationen konnten wir in Nara auch beobachten. Unachtsam wird mit Einkäufen aus dem Conbini umgegangen und schon knabbern die Hirsche die Tüte an. Denn das Tier hat gelernt: in Tüten ist Futter.

6. Lasst euren Müll nicht rumliegen

Plastiktüten mit Müll, To-Go Becher, Tapioka-Plastikbecher…. all das kann zum Problem werden, wenn die Hirsche es anknabbern oder sogar komplett fressen. Also nehmt es einfach mit und entsorgt euren Müll beim nächsten Conbini, am Bahnhof in den bereitgestellten Mülleimern oder in eurem Hotel.

Wart ihr auch schon einmal in Nara? Wie habt ihr die Hirsche kennengelernt – schreibt es in die Kommentare!

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Laura 5. Juni 2019 - 17:50

Die Hirsche in Miyajima taten meiner Mama und mir so schrecklich leid 😣 Sahen alle schrecklich abgemagert und zerrupft aus, die meisten waren super lethargisch, eins lag mitten im Eingang eines Restaurants und hat sich nicht wegbewegen lassen. Haben auch gesehen wie sie Leuten hinterher sind (recht aggressiv), die versucht haben auf Bänken sitzend was zu essen. Da die meisten so fertig waren, haben sie sich auch nicht wirklich gegen Touristen gewehrt (außer halt beim Essen). Nara will ich deswegen auch gar nicht wirklich hin um ehrlich zu sein, mich schrecken Touristenmassen, die sich dann auch nicht zu benehmen wissen, schrecklich ab. Rehe hab ich jetzt gesehen und Streichelzoo kann ich auch in München haben… 😕

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Katrin MBoundza 6. Juni 2019 - 7:18

Habe sowohl in Nara als auch in Miyajima Hirsche gesehen und denke, dass die meisten Verletzungen das Ergebnis des Betragens der jeweiligen Person sind. Man erntet was man sät. Dieses Spiel mit Futter hinhalten und nicht füttern habe ich in Nara mehrfach gesehen und mich sehr gut unterhalten gefühlt, wenn die Tiere gezeigt haben, dass sie keine Plushis sind. Spaß mit Hirschen gewissermaßen. Interessant fand ich die Konditionierung der Tiere, eine Art Verbeugung zu imitieren, um um Futter zu bitten, zu betteln und diese Bewegung nach dem Fressen zu wiederholen.
Auf Miyajima fand ich die Hirsche nicht unterernährt, allerdings das Betragen der Besucher viel problematischer. Ich habe den Eindruck, dass die sehr deutlichen Erklärungen in Nara durchaus fruchten und die Besucher sich gegenseitig beobachten, ob jeder die Regeln einhält.
Das Problem der Überpopulation der Tiere auf Miyajima ist mir auch bekannt. Relativ unkompliziert kann man das durch Kastration vieler Tiere lösen, habe aber generell den Eindruck, dass man in Japan an simplen Lösungen nicht so interessiert ist.

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