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Nishi-Tama – die grüne Oase in Tokyo

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Wenn der Winter-Blues einsetzt, wird einem – bei aller Liebe zu all den spannenden Möglichkeiten des urbanen Raumes – irgendwann deutlich: man kann Tokyo nur schwer entfliehen. Zumindest nicht im Alltag. Als passionierte Alltags-Radler mit Wohnsitz in Shinjuku fällt eher früher als später auf, dass es auf dem Drahtesel etwa zwei Stunden in jede beliebige Richtung braucht, um mehr als ein paar zusammenhängende Bäume zu finden. Eine mögliche Oase in der Nähe: Nishi-Tama.

Wenn man fragt, was so typische Tagesausflüge aus Tokyo heraus sind, sprechen alle über die typischen „Get-Away“-Orte. Verständlich, springen sie einen ja auch in jedem Reiseführer an. Da gibt es Tokyos „Hausberg“ Takao-san, nur 48 Minuten von Shinjuku, mit Flughörnchen und Fuji-Blick. Vielleicht soll es auch zum Wandern nach Chichibu gehen, nur 78 Minuten von Ikebukuro entfernt? Oder man orientiert sich nach Osten und fährt in knapp zwei Stunden zum Nokogiriyama in Chiba. Oder nach Tochigi, wo Nikko ebenfalls mit viel Kultur und Natur wartet. Und auch Kamakura und Enoshima sind im Winter einen Besuch wert. Nicht falsch verstehen: Wir lieben Chichibu und werden sicher auch noch davon berichten, aber manchmal wird es auch Zeit für etwas Neues und Unbekanntes. Und das Neue liegt manchmal gar nicht so fern. Manchmal muss man nur mit der Nase darauf gestoßen werden.

Die Teilnahme an dieser Tour wurde uns vom Reiseveranstaltern als sogenannte “Monitor Tour” kostenfrei ermöglicht. Werbung oder Berichterstattung wurde nicht verlangt, die Test-Tour diente dazu, Feedback von ausländischen Touristen einzuholen und die Durchführbarkeit zu testen.

Radeln im Akigawa-Tal

Im November 2019 hatten wir die Möglichkeit, als Testpersonen für eine zweitägige Tour Nishi-Tama näher kennenzulernen. Die Gegend um Akiruno und Hinohara liegt im Chichibu-Tama-Kai Nationalpark und ist landschaftlich und kulturell reizvoll. Damals waren die Olympischen Spiele 2020 in Tokyo nicht nicht abgesagt. Die Regierung versuchte dem Touristenboom Herr zu werden und die erwarteten Besucher etwas zu lenken. Andere Landesteile vom Zustrom profitieren zu lassen war einer der Grundgedanken.

Der Zugang zur Region Nishi-Tama ist zunächst komfortabel: Mit einmal umsteigen gelangt man aus Tokyo in etwas über einer Stunde zum Bahnhof Musashi-Itsukaichi. Von dort wird es allerdings schwieriger. Sporadische Busse verbinden einige Dörfer in den Bergen mit dem Bahnhof. Diesmal mussten wir uns darum aber ausnahmsweise nicht kümmern: Als Teil einer Reisegruppe war für den Transport gesorgt. Für uns ungewohnt, waren wir doch noch nie Teil einer geführten Tour. So weit heraus ging es ja ohnehin nicht. Nishi-Tama ist immer noch Teil der Präfektur Tokyo!

Unsere Reise startete in Shinjuku. Von dort aus ging es über die Chūō-Linie Richtung Ōme und dann bis zum Bahnhof Musashi-Itsukaichi. Dort angekommen trafen wir uns mit den Organisatoren und liehen erst einmal Fahrräder aus. Die “Urayama-Base” stellte uns gut gepflegte und passende Räder zur Verfügung. Uns wurde damals zugesagt, dass bald eine englische Website starten wird. Ob die Firma die Corona-Krise überlebt ist unklar, die Website wurde bis heute nicht gestartet, man ist aber auf Facebook aktiv [externer Link]. Aber um ausländische Touristen muss man sich im Juni 2020 auch keine Gedanken machen, das Land ist noch immer faktisch abgeriegelt.

Zurück in den Herbst 2019. Als Teil einer Tour musste uns das jedenfalls nicht beirren und so radelten wir entlang des Aki-Flusses ein paar Kilometer über Nebenstraßen, Reisfelder und vorbei an malerischen Tempeln. Unweigerlich stellte sich uns die Frage, was eigentlich das „authentische Japan“ ist, von dem so viele Touristen träumen. Ob es wohl hier zu finden sei? Es fühlt sich jedenfalls nah dran an.

Zwischenziel: Kōtoku-ji

Adresse: 広徳寺・東京都あきる野市小和田234番地 [Link zu Google Maps]
Anfahrt: Musashi-Itsukaichi Station (JR-Itsukaichi-Line), dann 25min Fußweg
Eintritt: kostenfrei
Öffnungszeiten: keine / unbekannt
Website: Kōtoku-Tempel [nur Japanisch]
Infos aktualisiert: Juni 2020

Der 1373 gegründete Kōtoku-ji ist ein buddhistischer Zen-Tempel und gehört der Rinzai-Schule an. Er ist ein schöner, recht entlegener Tempel, in dessen Eingangsbereich euch ein toller Ginkgo-Baum begrüßt. Etwas besonderes ist aber vor allem der Baum im hinteren Bereich: die Blätter der Breitblättrigen Stechpalme haben eine Besonderheit. Verletzt man die Rückseite, wird dieser Bereich dunkel. Diese Färbung bleibt ziemlich lange bestehen. Es ist so möglich, Nachrichten auf das Blatt zu schreiben. Dies, so munkelt man, sei die Herkunft des Wortes hagaki 葉書 – Postkarte. Wörtlich übersetzt etwa: Blattbrief. Tarayō 多羅葉, wie der Baum im Japanischen heißt, bekam deshalb auch den Beinamen “Postamtbaum” (yūbinkyoku no ki 郵便局の木) oder “Postkartenbaum” (hagaki no ki ハガキの木).

Zen-Meditation im Gyokuden-ji

Adresse: 玉傳寺・東京都西多摩郡桧原村人里1705番地 [Link zu Google Maps]
Anfahrt: Musashi-Itsukaichi Station (JR-Itsukaichi-Line), dann Bus 10 Richtung Kazuma 数馬 bis zur Haltestelle Henbori 人里 (41min)
Eintritt: kostenfrei, Getränke im Café ab 500 Yen,
Öffnungszeiten: 10:00 – 16:00 Uhr,
Website: Gyokuden-ji und Tempelcafé Shūun
Infos aktualisiert: Juni 2020

Nach einem kurzen Abstecher durch das Akigawa-Tal und einem aufwärmenden Fuß-Onsen wurden wir unvorbereitet in eine Zen-Meditation in einem Tempel geworfen. Viele existenzielle Fragen gehen einem durch den Kopf, wenn man nicht wirklich weiß, was man da eigentlich tut. Die dringendsten davon: Was genau erwartet uns bei dem anschließenden Essen mit vegetarische Tempelküche? Werde ich mit dem Bambusrohr geschlagen, wenn ich mich zu oft bewege? Was genau gibt es 2 Meter vor mir am Boden zu entdecken? Und sehe ich irgendwann auch Buddha-Figuren in Bergketten, wenn ich das lange genug mache? 20 Minuten – und damit gerade einmal halb so lange wie üblich, verharrten wir regungslos aber bemüht im für Einsteiger eher schmerzhaften Lotus-Sitz.

Die Erfahrung war interessant und das anschließende Festmahl dann auch eine Wohltat. Geschlagen wurde auch niemand. Der Bambusstab wurde nur zum Begradigen krummer Rücken eingesetzt. Der Mönch, der uns anleitete, wirkte zwar streng, war aber in Wahrheit ein sehr freundlicher und sympathischer Mensch. Nach der Arbeit dann das leibliche Vergnügen. Serviert wurde die traditionelle vegane buddhistische Tempelküche shōjin ryōri 精進料理. Für Einzelreisende kostet eine Mahlzeit 3200 Yen, allerdings muss man vorher telefonisch reservieren. Einen Matcha-Tee im Tempelcafé Shūun kann man aber auch ohne Anmeldung genießen.

Mit der Tempelküche bekamen wir einen ersten Vorgeschmack auf die lokale Spezialität. Konnyaku – eine geleeartige Masse aus der Konjakwurzel – in allen Farben und verschiedenen Abstufungen von schwabbelig. Thematisch passend gab es auch gleich noch eine Konnyaku-Verkostung nebenan.

Übernachtung im Ryokan

Die Nacht verbrachten wir im Ryokan „Kabuto-ya“, dessen Name von einer speziellen Dachkonstruktion herrührt. Seine Form erinnert an die gleichnamigen Helme der Samurai. Für einige ausländische Touristen vielleicht besonders spannend: der Onsen des Hauses ist auch für tätowierte Besucher zugänglich. Zudem konnten wir am nächsten Morgen gleich der nächsten kulturellen Aktivität beiwohnen: Mochi schlagen. Der Besitzer des Hauses ist übrigens begeisterter Drohnenflieger und zeigt seine Videoaufnahmen des Tales auf der Leinwand im Aufenthaltsraum. Kostproben davon findet ihr auch auf der Website des Ryokan [externer Link].

Die Residenz der Familie Kobayashi

Adresse: 小林家住宅所在地・東京都西多摩郡檜原村4994番地 [Link zu Google Maps]
Anfahrt: Zug bis Musashi-Gokaichi (JR Itsuikaichi Line), dann Bus bis Endstation Fujikura 藤倉 (46min), dann 1,4km bergauf wandern bis zur Monorail
Eintritt: kostenfrei
Öffnungszeiten: April – Oktober: 10:00 – 16:00 Uhr / November – März: 10:00 – 15:00 Uhr / Dienstag Ruhetag
Monorail: Nur mit Voranmeldung per Telefon nutzbar, 090-5543-0750
Flyer: Download [nur Japanisch]
Website: Kobayashi-Residenz [nur Japanisch]
Infos aktualisiert: Juni 2020

Zum Abschluss der Tour ging es am nächsten Morgen noch einmal tiefer in die Berge: die Residenz der Familie Kobayashi liegt auf 750 Höhenmetern mitten im Wald. Sie ist nur durch schmale Wanderwege oder eine vor einigen Jahren gebaute, aberwitzige steile Mini-Monorail erreichbar. Das Haus selbst wurde Anfang des 18. Jahrhunderts errichtet und bereits 1976 als wichtiges Kulturgut eingestuft. Die Familie Kobayashi hat dort im Wald Holzkohle produziert und diese dann auf dem Markt bei Itsukaichi verkauft. Nachdem sie bei einem Hochwasser ihr Haus verloren, bauten sie ihr Haus noch weiter oben in den Bergen. Dort steht es bis heute. Der Rauch, der permanent von der Irori-Feuerstelle abgegeben wird, dient in erster Linie dazu, das empfindliche Dach vor Schädlingen zu schützen.

Natürlich durfte auch die lokale Spezialität Nishi-Tamas wieder nicht fehlen: Konnyaku wurde von uns geschält, gewaschen und gekocht. Anschließend wurde er in Form eines schier unerschöpflichen Buffets aus Glibbermasse in den unterschiedlichsten Formen und Farben verspeist. Als Mitbringsel bekamen wir alle noch mehr davon mit auf dem Heimweg.

Zurück nach Tokyo

Im Bus zurück zum Bahnhof hatten wir dann Zeit, den Ausflug etwas Revue passieren zu lassen. Wir haben festgestellt, dass Reisen in geführten Touren nichts für uns sind. Viel lieber wären wir mit den Rädern weiter im Akigawa-Tal gefahren. Oder im Wald um dasHaus der Familie Kobayashi herum noch ausführlicher wandern gegangen.

Die Entscheidung über die eigene Reisegeschwindigkeit wird einem abgenommen und für uns war das eine eher unangenehme Erfahrung des Kontrollverlustes. Dem letzten Rest Abenteuer auf Reisen – was auch immer man darunter verstehen mag – wird ein durchgetakteter Plan entgegengesetzt.  Was wir aber so nie gesehen hätten, wären so viele Facetten der Präfektur Tokyo. Geführte Touren können also durchaus die Funktion eines Türöffners haben, denn sie ermöglichen einen einfachen Zugang zu eher verschlossenen Gebieten.

In Zeiten in denen Japan von einem Besucherrekord zum nächsten eilt und Städte wie Kyoto an ihrem eigenen Erfolg ersticken, während ganze ländlich geprägte Regionen verfallen, ist das sicher nicht verkehrt.


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2 Kommentare

Alex 24. Juni 2020 - 21:46

Ich bin da ganz auf eurer Seite, was geführte Touren angeht und verzichte auch dankend auf so etwas.
Aber wie du auch sagst, so um einen Türöffner zu bekommen ist das vermutlich ganz nett, wenn man dann auf eigene Faust ein anderes Mal die Gegend erkundet.
Und ich weiß nicht, was ich besser finde. Diese geile Monorail, oder dass Micha wie ich auch einen ungelenken Schneidersitz hat xD

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Micha 25. Juni 2020 - 7:42

Waaaas, wie ungelenk?

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